Charakterentwicklung
Vom Archetyp zur Figur, die im Gedächtnis bleibt

Eine fesselnde Geschichte lebt von ihren Figuren. Doch wie macht man aus einer bloßen Idee einen Charakter, der die Leser nicht mehr loslässt? Ein bewährter Weg führt von Archetypen – also grundlegenden Charaktermodellen – hin zu komplexen, vielschichtigen Figuren, die man nicht mal eben so an jeder Stange hängend vorfindet.


Was ist überhaupt ein ein Archetyp?

Archetypen sind universelle Charaktermodelle, die auf tief verwurzelten Mustern in unserer Kultur und Psychologie basieren. Sie definieren Grundzüge eines Charakters und geben der Leserschaft eine erste Orientierung.

Handelt es sich um einen Held, Freund, Mentor, Fiesling, Feind, etc.?

Figuren, die sehr nah am Archetyp bleiben, wirken oft klischeehaft oder flach.
Daher ist es wichtig, den Archetypen als Startpunkt zu nutzen und ihn dann individuell auszubauen.


Wir wollen keine Stereotypen, wir wollen Persönlichkeiten!

Was will unser Charakter eigentlich und was steht ihm auf dem Weg dahin im Weg?

Hinter jedem Archetypen verbirgt sich ein Mensch mit Wünschen, Ängsten und inneren Konflikten. Um Figuren mehr Tiefe zu verleihen, helfen ein paar Fragen schon ein ganzes Stück weiter.

– Unser Held will vielleicht die Welt retten – doch was, wenn er gleichzeitig Angst davor hat, zu scheitern, weil er sich selbst nicht für würdig hält? Solche inneren Konflikte machen Charaktere menschlich.

– Chief Brody aus „Der weiße Hai“ konnte nicht schwimmen – und dann befindet sich der Feind ausgerechnet auf dem offenen Meer. Au weia …

– Jemand, der mit der grandiosesten Stimme überhaupt gesegnet ist und so gerne singend sein Geld verdienen würde, traut sich nicht einmal am Elternabend den Mund aufzumachen – wird dieser Charakter seine Ängste in den Griff bekommen und seinen Traum verwirklichen?

Schau dich in der Literatur- und der Filmwelt um. Selbst die größten Helden haben alle irgendeine Macke und genau das macht sie aus. Dafür lieben wir manchmal sogar den eigentlich Bösen.


Vergangenheit und Prägung: Die Lebensgeschichte

Niemand ist ohne Geschichte – auch fiktive Figuren nicht. Sie sollten es zumindest nicht sein … Wir alle haben Erfahrungen gemacht, die uns geprägt und zu bestimmten Eigenarten geführt haben, die für Außenstehende vielleicht keinerlei Sinn ergeben, sich aus unserer Geschichte aber schlüssig erklären lassen.

Und solche Erfahrungen braucht auch der Charakter einer Geschichte. Ihre Vergangenheit beeinflusst ihre Entscheidungen, Verhaltensmuster und Beziehungen. Eine entsprechende Hintergrundgeschichte kann nicht selten auch das Verhalten unserer Feinde verständlich machen.

Erstelle doch einfach mal eine BIOGRAFIE deiner Figur. Führe ein Interview mit ihr und frag ihr Löcher in den Bauch.

Kaum etwas davon muss explizit in deinem Roman erwähnt werden, aber du schaffst dir so die Grundlage für ein authentisches Handeln deiner Figur.
Nur wenig ist für Leser ernüchternder, als eine Hauptfigur die völlig konträr zu ihrer bisherigen Persönlichkeit handelt. Wir alle laufen mal neben der Spur, aber es gibt Dinge, die tun wir einfach nicht. Unter keinen Umständen. Es ist wichtig, zu wissen, wie unsere Figuren ticken, damit wir sie glaubwürdig handeln lassen können.


Beziehungen und Dynamiken

Die Art, wie Figuren mit anderen interagieren, sagt viel über sie aus. Überlege, wie sie mit Freunden, Feinden und Familie umgehen. Eine zynische Figur kann beispielsweise weicher werden, wenn sie mit ihrem kleinen Bruder spricht. Solche Kontraste machen Charaktere lebendig und glaubwürdig.


Entwicklung im Laufe der Handlung

Figuren, die sich verändern, bleiben im Gedächtnis. Dein Protagonist sollte zu Beginn der Geschichte anders sein als am Ende. Vielleicht verliert er seine Naivität, wächst über sich hinaus oder erkennt seine eigenen Fehler. Die Entwicklung muss nicht dramatisch sein – auch kleine Veränderungen können einen großen Effekt haben.
Häufig begeben sich künftige Helden aus einer schwachen Position heraus auf ihre HELDENREISE und kommen größer und stärker zurück, als sie je dachten, sein zu können.


Einzigartige Details

Kleine Eigenheiten machen deine Charaktere unvergesslich. Vielleicht trägt die Figur immer ein quietschgelbes Notizbuch bei sich, spricht in Metaphern, trinkt ihren Kaffee mit einem Schuss Tabasco oder hat einen anderen seltsamen Tick. Das macht sie greifbarer, lebendiger, man erinnert sich leichter an sie.


Der langen Rede kurzer Sinn:

Archetypen sind der erste Schritt,
komplexe Figuren der nächste.

Gute Charaktere brauchen Persönlichkeit, Schwächen und eine eigene Geschichte, um sie authentisch und fesselnd gestalten zu können. Der Schlüssel liegt darin, ihre Menschlichkeit zu zeigen – denn am Ende lesen wir Geschichten, um etwas über uns selbst zu erfahren.


Und jetzt du …
Wähle einen Archetypen (z. B. den Rebellen) und entwickle ihn weiter. Welche Geheimnisse hat er? Was ist sein größter Traum? Und was hält ihn davon ab, ihn zu erreichen? Experimentiere und lass ihn zum Leben erwachen.

Rebecca | Schreibtrunken


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