Zwischen zwei Zeiten

Spannendes Thema, erwischen wir uns doch vermutlich alle immer wieder mal dabei, wie wir verträumt, verängstigt oder vielleicht auch hoffnungsvoll durch unser Gestern oder Morgen flanieren – so weit, so normal. Wie bei nahezu allem, sollte man allerdings auch wissen, wann es genug ist – hier mal ein paar Gedanken dazu.

Zur Orientierung
Vergangenheit & Zukunft
Worum geht`s wirklich?
Den Unterschied erkennen
Was dieser Schreibimpuls wirklich fragt
Was kann helfen?
Schreibimpuls


Über die Vergangenheit nachdenken

Muster, Trigger, Selbstbilder entstehen nicht im luftleeren Raum.

Wenn wir unsere Vergangenheit ignorieren, leben wir meist nach Drehbüchern, die andere geschrieben haben. Dort nicht hinzuschauen, heißt nicht etwa grundsätzlich „frei sein, von alten Fesseln“, sondern in der Regel auch: automatisch reagieren – auf eine Weise, die zu einem früheren Zeitpunkt einmal gut, wichtig, vielleicht sogar überlebensnotwendig war.

Das ist dann kein Verstehen mehr, sondern ein Festkleben im Gestern.


Gestern ist ein Ort,
an dem du ausruhen kannst –
doch selten bleiben.

Haiku


Über die Zukunft nachdenken

Ohne Zukunftsperspektive geht es nur schleppend voran – wobei das nicht ganz korrekt ist, aber es geht eben irgendwohin. Ob es uns dort gefällt, das bleibt dem Zufall überlassen.

Auch Zuversicht und Hoffnung entstehen meist dann, wenn wir nach vorn schauen und uns vorstellen, dass die Dinge sich positiv entwickeln werden – der Rückspiegel hilft hier eher selten.

Dann haben wir nicht etwa ein Ziel – wir haben Stress.


Zwischen zwei Zeiten
sitzt mein Herz auf der Schwelle –
und weiß nicht, wohin.

Haiku


Worum geht es wirklich?

Es geht weniger darum, wo wir uns mit unseren Gedanken befinden – auf das Warum kommt es an.

Verstehen oder Fliehen?

Wenn wir uns im Heute unsicher fühlen oder Dinge nicht verstehen, dann ist unsere Vergangengenheit in der Regel genau der Ort, an dem Zusammenhänge greifbar werden.

Der wenig hilfreiche Tipp „Du musst loslassen!“ mag gut gemeint sein, so lange da aber etwas in uns ist, das endlich einen Sinn erkennen möchte, wird uns das nicht sonderlich gut gelingen.

Psychologisch betrachte könnte man sagen:
Der Mensch versucht, Kohärenz (einen Zusammenhang) zu erzeugen.

Es liegt in unserer Natur, dass wir besser mit Dingen klarkommen, wenn wir sie nachvollziehen können.

Nichts anderes versucht unser Nervensystem.

So menschlich dieses Verhalten auch ist, dennoch kann es Probleme machen – und zwar dann, wenn das Gestern zum einzigen Ort wird, an dem Bedeutung existent ist.

Unsere Erinnerung ist dann nicht länger eine Ansammlung gelebter Momente, auf die man bei Bedarf zurückblicken kann, sie wird zu unserer Identität. Unserem Heute. Dann stecken wir doch fest und eine selbstbestimmte Zukunft liegt in weiter Ferne.


Gestern tut noch weh,
doch kennt es meinen Namen –
Morgen kennt ihn nicht

Haiku


Es bedeutet häufig nur, dass das Jetzt kaum auszuhalten ist und die Zukunft zum imaginären Fluchtweg wird. Dabei sind diese Menschen meist nicht wirklich von konkreten Visionen ihres weiteren Lebens erfüllt, sie sind einfach nur erschöpft von ihrem Heute – und fühlen wir uns ausgeliefert, tut unser Gehirn Folgendes:

Es sucht nach Möglichkeiten der Kontrolle.

Problematisch wird es dann, wenn die Zukunft wichtiger wird als die Gegenwart. Wenn wir, rein biologisch gesehen, zwar am Leben sind, aber ständig darauf warten, dass unser Leben doch bitte endlich mal beginnen möge.

Wir setzen uns selbst auf Entwurf zurück und hoffen auf erfolgreiche Veröffentlichung – in der Zukunft.

Und was macht nun
den Unterschied?

Woran erkenne ich, ob mein Blick zurück oder nach vorn noch angemessen ist?

  • Ein Rückblick aus Neugier ist für gewöhnlich heilsam.
  • Ein Rückblick aus Angst ist es nicht. Er bindet uns.
  • Vorausschau aus Sehnsucht ist mit Bewegung assoziiert.
  • Vorausschau aus Vermeidung mit Stillstand.

Ein und derselbe Gedanke kann Wachstum oder Stillstand bedeuten – je nachdem, woher er stammt.


Und wenn diese Schreibanregung fragt, ob wir eher über die Vergangenheit oder die Zukunft nachdenken, dann fragt sie genau genommen:

Was fehlt dir im Heute, dass dein Geist woanders Halt sucht?


Mal ehrlich … Dieses Heute ist aber auch echt nicht zu beneiden.
Da steht es Tag für Tag auf der Matte, allzeit bereit, das Beste seiner Art zu werden und wir? Wir freuen uns nicht mal richtig drüber. Schauen es vielleicht noch nicht einmal an.

Na ja … es macht’s einem häufig aber auch wirklich nicht leicht.

Das Heute ist auch meist kein Ziel.
Es ist ein Zustand
und manchmal eine Zumutung.

Was kann helfen?

Es geht nicht darum, sich für eine Richtung zu entscheiden.

Gesund ist nicht der Mensch, der nur nach vorne blickt, und auch nicht der, der seine Vergangenheit detailliert aufgearbeitet hat.

  • Zurückschauen, um zu begreifen.
  • Nach vorne schauen, um sich auszurichten.
  • Und im Heute bleiben, um sich selbst zu begegnen.

Nicht selten ist aber genau das so richtig unangenehm. Im Heute können wir nicht so tun, als ob. Hier werden wir Tag für Tag mit den jeweiligen Gegebenheiten konfrontiert – die sicher jeder von uns ab und an lieber ausblenden würde …


Rebecca


Ums mal zusammenzufassen …

Meiner Meinung nach geht’s weniger darum, ob wir zurückschauen oder nach vorne blicken, sondern in erster Linie darum, wie sehr wir uns – trotz aller Hoffnung und allen Bedauerns – erlauben, dort zu bleiben, wo wir gerade sind. Genau hier. Zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht noch kommt.

Dass das nicht immer einfach ist, steht außer Frage.

Die Vergangenheit kann Dinge erklären. Die Zukunft mag sie uns vielleicht sogar versprechen. Aber das Heute – das Heute fordert uns.

Da fällt mir gerade dieser Artikel hier ein, da hatte ich schon mal über eine ähnliche Thematik geschrieben – nur weniger ausführlich.

So langsam sollte ich wohl mal besser zum Ende kommen …

Falls du zu den Menschen gehörst, deren Gedanken sich häufiger im Gestern oder Morgen tummeln, dann wünsch ich dir von Herzen, dass du dort findest, was du brauchst, um dich im Hier und Jetzt sicher, willkommen und zuhause zu fühlen.

Lieben Gruß!
Rebecca | Schreibtrunken


Hast du Lust auf einen ergänzenden Schreibimpuls?

„Richtig“ oder „schön“ gibt es nicht.


Wenn du magst,

„Ich denke oft an gestern, weil …“

Lass auch unbequeme Gründe zu.
Und was auch immer aus deinem Inneren auftaucht:
nicht bewerten – nur wahrnehmen.


„Ich denke oft an morgen, weil …“

Achte darauf, wo Hoffnung spricht – und wo Flucht.


„Heute brauche ich am ehesten …“

Kein Ziel. Kein Plan. Nur ein Bedürfnis. Ein ehrliches Bedürfnis.

Niemand muss davon erfahren und du musst auch nichts daraus machen. Das Benennen allein genügt manachmal schon, um etwas in Bewegung zu bringen.

Vielleicht bemerkst du in den kommenden Tagen ja eine kleine Veränderung – lass dich einfach überraschen.

Jetzt aber wirklich …

Hab deinen Tag noch schön und vielleicht bis bald – würd mich freuen. 🙂
Rebecca


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2 Antworten zu „Zwischen zwei Zeiten”.

  1. Avatar von pjotrsagt

    Sehr schöne Idee um Gedanken zu ordnen. Ein gutes neues Jahr für dich! P.

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    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      🙂 Herzlichen Dank, Pjotr,
      Gleiches wünsche ich dir!

      Liebe Grüße von mir zu dir und hab noch einen schönen Abend!
      Rebecca

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