Der Mythos der guten Mutter

Zur Orientierung

Warum dieses Thema?
Die „gute Mutter“
Der Spiegel unseres Werts
Gedankenexperiment
Als Vakuum durchs Leben
Gedicht


Ich lese in letzter Zeit immer häufiger von Menschen allen Alters (überwiegend jüngere), die den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie abgebrochen haben oder abbrechen möchten.

Diese Thematik ist mir sehr vertraut, auch ich habe seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mit „Menschen von damals“ und deshalb hört man von mir auch ganz sicher kein

Diese und ähnliche Kommentare sind an der Tagesordnung, wenn man irgendwo kundtut, dass man den Kontakt beenden möchte und sie sind in der Regel immer unangebracht.

Wir wissen nicht, was der Grund für eine solche Entscheidung ist, ein Urteil steht uns nicht zu.

Ein Austausch darüber ist allerdings enorm wichtig, dass solche Themen heute öffentlich gemacht werden, ist deshalb auch mehr als nur gut – aber auch gefährlich.

Mir ist völlig klar, dass man hierüber niemals objektiv schreiben oder denken kann, dazu ist die Thematik viel zu emotional – was man auch daran merkt, dass sich die Meinungen hierzu meist in zwei strenge Lager einteilen lassen.

Die eben genannten Zitate gehören in das eine, das andere bekräftigt die betreffende Person in ihrer Entscheidung (meist aufgrung einzelner Momentaufnahmen), gratuliert ihr dazu und fühlt sich nicht selten inspriert, Ähnliches ebenfalls zu tun, schließlich ist ihm xyz widerfahren.


dennoch habe ich oft den Eindruck, dass wir in Zeiten leben, in denen die Erwartungen an der Realität ein ganzes Stück vorbeigehen und das eigene Handeln nicht immer weit genug vorausbedacht wird.

Dieser Text möchte niemanden anklagen oder verurteilen. Sein Hauptziel ist auch nicht, Kinder dazu zu bewegen, sich ihren Müttern, Eltern, wem auch immer wieder anzunähern. Er möchte lediglich an die nötige Sensibilität erinnern, die ich bei solchen Diskussionen so oft vermisse …

Ich habe hierzu schon mehrere Texte und Gedichte geschrieben und ich denke, die Themen Kindheitstraumata, Mutterwunden & Co. werden hier noch sehr viel häufiger Raum einnehmen. Jetzt aber erst einmal das, worüber ich heute gern schreiben möchte – über den


Wir alle haben dieses eine makellose Bild in unserem Kopf – das der “guten Mutter”.

Zärtlich. Bestärkend. Aufopferungsvoll.

Jemand, der immer weiß, was zu tun ist.
Tröstet, ohne dass man darum bitten muss.
Jemand, der stolz ist. Jemand, der bleibt.

Viele von uns haben eine solche Mutter nie erlebt.
Und das hat wehgetan, stärker, als wir es damals ausdrücken konnten.

Sie erkennen Wärme oder Kälte in einem Blick. Wissen, ob ein Satz Zuwendung oder Ablehnung bedeutet. Sie spüren ohne zu verstehen.

Das Bild der „guten Mutter“ steht dann wie ein Schatten über allem. Ein Schatten, in dem unsere eigene Mutter untergeht. Weil sie so anders war.


Vielleicht war sie abwesend. Streng. Strafend. Hart. Kalt. Vielleicht hat sie uns kleingemacht, anstatt uns zu bestärken. Vielleicht hat sie uns das Gefühl gegeben, eine Last zu sein.

Oder sie war meist mit sich selbst beschäftigt – mit etwas, das wir nicht verstehen konnten und doch ständig zu spüren bekamen.

Wir wussten nicht, warum sie so war.


Ihr Verhalten wurde zum Spiegel unseres Werts.

Die nicht erhaltene Aufmerksamkeit wurde zum “Beweis” dafür, dass wir nicht wichtig sind. Dass sie uns nicht schützte, zum Zeichen dafür, dass wir keinen Schutz verdienen. Dass sie uns nicht zuhörte, zur Bestätigung, dass unsere Gefühle unbedeutend sind.


Solltest du schlimme Erfahrungen gemacht haben und ein „Ich hasse …“ in dir tragen, dann werden diese Fragen dir unangebracht erscheinen, dich aufregen oder vielleicht sogar ein bisschen wütend machen – ich stelle sie trotzdem.

  • War sie selbst vielleicht nie die Frau, die sie gern gewesen wäre?
  • War auch sie vielleicht ein Kind, dem niemals Zuwendung zuteil wurde?
  • Lag ihre Härte vielleicht darin begründet, dass es ihr selbst nicht gestattet war, weich, zart und schwach zu sein?
  • Hat sie uns vielleicht nicht gespürt, weil sie sich selbst nie gespürt hat?
  • Trug sie womöglich einen Schmerz in sich, den niemand kannte – einen, der so laut war, dass er alles andere übertönte?

Nein. Ich weiß.

Nicht den emotionalen Mangel. Nicht die Verletzungen.

Aber es macht (mich) nachdenklich. Und öffnet eine neue Perspektive.

Manchmal ist das, was wie Lieblosigkeit aussieht, nichts anderes als Ohnmacht.

Manchmal sind Kaltherzigkeit und Härte eine Schutzschicht. Und manchmal sind die stillsten Mütter die, die am lautesten weinen – aber niemals jemanden hatten, der zuhört.

Ob es möglich sein könnte, dass genau das auf deine Mutter zutrifft?

Falls du aber mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit durchs Leben gehst, weil du deine kindlichen “Ich bin es nicht wert”-Glaubenssätze nie hast ablegen können, können dir diese Überlegungen, so theoretisch und abwegig sie dir im Moment auch scheinen mögen, im besten Fall dabei helfen, endlich zu erkennen, dass das Verhalten deiner Mutter rein gar nichts über dich und deinen Wert aussagt – denn:

Probleme, die unsere Mütter mit uns und unserem gemeinsamen Leben hatten, entstanden nicht durch uns. Sie waren schon vor uns da – zeigten sich bis dahin nur anders.


Was wir häufig vergessen:

Wir alle tragen Erfahrungen in uns, um die nur wir selbst wissen (oder nicht einmal mehr das). Vielleicht haben wir sie schon lange verdrängt – sie wirken dennoch weiter und drückt jemand den “richtigen” Knopf, handeln wir entsprechend. Häufig verstehen wir uns dann selbst nicht mehr.

Falls du diesen Gedanken zulassen kannst, musst du deiner Mutter noch lange nicht wieder nahekommen – der (eventuell bereits vollzogene) Kontaktabbruch kann trotzdem genau richtig sein.

Aber sollte da bisher ein “Sie hat xyz getan und dafür hasse ich sie!” gewesen sein, dann schaffst du es vielleicht, deinen Hass – der letztlich nur dir selbst das Leben schwer macht – in ein gewisses Maß an Verständnis zu transformieren.

Die Energie, die du bislang für Groll und Vorwürfe gebraucht hast, kannst du sehr viel besser nutzen, wenn du sie – anders als deine Mutter – für das Durchbrechen der erkannten Muster verwendest. Für eine bessere Zukunft.


Vielleicht beginnt sie nur anders, als du erwartet hast.

  • Nicht, indem du deine Vergangenheit wie ein Geschwür aus dir herauszuschneiden versuchst.
  • Nicht, indem du so tust, als sei nichts gewesen.
  • Nicht, indem du vergibst.

Sondern indem du dir den Gedanken erlaubst, dass auch Mütter einmal Töchter waren.

Dass Liebe manchmal nicht ausreicht.

Und dass es nie zu spät ist, sich selbst das Zuhause zu bauen, das man als Kind nie betreten durfte.


Du kochst die Suppe
von gestern und früher,
wärmst deinen Zorn wie ein altes Gericht.
Löffel für Löffel wirst du müder –
wie viel du auch isst:
satt wirst du nicht.

Hass ist nicht mehr als ein Bumerang.
Immer kommt er zurück zu dir selbst.
Du glaubst, zu werfen, jahrelang –
obwohl du ihn fest
in Händen hältst.

Rebecca


Ich wünsche dir sehr, dass es dir gelingt, den Menschen, der für dein Leid ursächlich war, aus anderen Augen zu betrachten.

Nicht, um ihn von allem freizusprechen, sondern um dich selbst zu befreien – von dem Leid, das du trägst, obwohl es niemals für dich bestimmt war.

Alles Liebe!
Rebecca | Schreibtrunken

Grüße ins Leere
Muttertag für Ungeliebte


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