Was ist Verrat?
Ein Blick,
der sich abwendet,
wenn du ihn brauchst.
Ein Versprechen, das schweigt,
während du noch daran glaubst.
Ein Lächeln, das lügt,
doch du erkennst es zu spät.
Ein Messer, das von hinten kommt –
und ein Wort, das Zweifel sät.
Das ist Verrat.
Eins vorweg: Ich bin von der Existenz eines Gottes, wie die Bibel ihn beschreibt, weder überzeugt noch schließe ich sie aus. Ich bezeichne mich als Agnostiker, glaube, dass es zwischen Himmel und Erde allerhand gibt, was der menschliche Verstand nicht erfassen kann und vor allem an die Kraft der Natur. Daran, dass das Leben immer nach Selbsterhaltung strebt, das „Göttliche“ in der Harmonie von Körper, Seele und Geist verborgen liegt und ein „guter Mensch“ nicht zwingend gläubig sein muss – an Gottesglaube hat es auch dem Teufel sicher nicht gemangelt … Die folgenden Zeilen sind demnach nicht aus christlicher Sicht geschrieben – nur aus menschlicher. Und, wie immer, natürlich rein subjektiv.
Ostern ist das höchste Fest der Christenheit. In der Auferstehung Jesu liegt der Glaube begründet, dass der Tod nicht das Ende des Lebens ist – dieser Gedanke ist die für viele Menschen tröstliche Basis christlichen Glaubens.
Doch um auferstehen zu können, muss man erst einmal sterben – was, im übertragenden Sinne, viele von uns sicher auch schon häufig getan haben.
Der heutige Gründonnerstag leitet die Osterfeierlichkeiten ein – es ist kein lauter Tag, kein Tag des Neubeginns. Es ist ein Tag im „Dazwischen“. Zwischen dem letzten Brot und dem Verrat. Zwischen Umarmung und Abschied. Zwischen dem, was war, und dem, was nicht mehr aufzuhalten ist.
Ich denke, dieser Tag kann – ganz ungeachtet seiner religiösen Bedeutung – etwas Wesentliches über das Leben lehren: Dass Großes oft im Unausgesprochenen entsteht, im Geheimen – im Schweigen vor dem Sturm, der alles mit sich reißt und das Leben in eine neue Ordnung zwingt.
Die Bibel erzählt vom letzten Abendmahl an diesem Tag. Von Gesten der Nähe, der Demut und der Menschlichkeit – obwohl sich das Unausweichliche bereits ankündigt.
Vielleicht ist das die Lehre dieses Tages: dass Liebe nicht immer sicher ist. Dass selbst im engsten Kreis Verrat möglich ist. Und dass Treue manchmal bedeutet, auch im Wissen um den Schmerz nicht wegzulaufen.
Dieser Tag macht aber noch mehr.
Er stellt unbequeme Fragen.
Sind wir wirklich so viel besser, als Judas es gewesen sein soll?
- Wie oft versprechen wir Nähe und wählen doch Distanz?
- Wie oft schweigen wir dort, wo Worte gebraucht würden?
- Wie oft schauen wir weg, weil Mitgefühl Mut erfordert?
- Wie oft haben wir schon uns selbst gerettet und andere nicht nur ihrem „Schicksal“ überlassen, sondern wissentlich geopfert?
Wer frei von Schuld ist …
Und doch ist Gründonnerstag nicht nur ein Tag des Verrats und des Verlusts. Er ist auch ein Tag der bewussten Entscheidung. Im Buch der Bücher steht geschrieben, dass Jesus klar war, was kommen würde – und doch blieb er. Teilte das Brot. Reichte den Kelch. Wusch den Jüngern die Füße. Auch dem, von dem er wusste, dass er ihn verraten würde.
Was wäre, wenn auch wir in der Lage wären, zu bleiben – mitten im Ungewissen? Wenn wir uns selbst und einander nicht erst lieben würden, wenn alles sicher ist, sondern auch dann, wenn da noch so viele Fragen sind, so viel Zerbrechlichkeit? Trotz des Wissens um all unsere Unzulänglichkeiten?
Der Gründonnerstag ist ein guter Tag, still zu werden. Uns an den Tisch des Lebens zu setzen – mit allem, was ist, was war, allem, was fehlt, was wir hoffen oder auch verloren glauben. – Um einfach einfach mal zu schauen, was wir noch vor dem dritten Hahnenschrei retten würden – und was nicht.
Für gläubige Christen ist dieser Tag der Tag, an dem Jesus verraten wurde.
Für mich ist es ein Tag, der mich darüber nachdenken lässt, wie viel Judas in mir steckt.
Wie viel Mut. Wie viel Aufrichtigkeit. – Und ob der „Verrat“, den andere vielleicht an mir begangen haben mögen, letztlich nicht der Grundstein meiner eigenen Wiederauferstehung und niemals zu meinem Schaden war.
Ich denke, dieser Tag fragt gar nicht so sehr danach, ob ich an Gott glaube – er fragt vielmehr danach, ob und wie sehr ich an mich selbst glaube.
Hab einen schönen Donnerstag!
Rebecca | Schreibtrunken





Raum für deine Gedanken