Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?


Ich dachte immer, ich müsse schreiben.

Dass ich es wollte oder einfach sehr mochte, genügte nicht – nein … ich dachte tatsächlich: Du musst schreiben. Unbedingt. Jeder weiß, dass es manche Dinge einfach zum Leben braucht: Vitamine, Sauerstoff, Bewegung – oder eben das Schreiben. Was macht das schon für einen Unterschied?

Das Schreiben war mir immer mehr als ein Hobby.

Es war nicht einfach etwas, das ich zu „können“ glaubte oder lernen wollte, es war mir eher ein innerer Auftrag. Fast schon ein kleiner, sich gut anfühlender Zwang, der meinem Leben eine Richtung und einen Sinn zu geben schien. Das konnte mitunter fast schon größenwahnsinnige Züge annehmen, hatte ich doch ab und an die leise Vermutung, es müsse vermutlich irgendetwas geben, das nur ich sagen oder schreiben kann – jedenfalls nur auf diese einzig und allein mir innewohnende Art und Weise.

Und dann war da plötzlich mein Buch auf dem Markt. Wow. Nach so langer Zeit hatte ich also endlich meinen Heiligen Gral gefunden – ungefähr vier Wochen lang habe ich so in der Art wohl tatsächlich gedacht. Aber ich merkte schnell, dass es irgendwie anders war, als ich es mir immer vorgestellt hatte. Nicht halb so besonders wie erhofft. Welch Enttäuschung.


Dabei wollte ich doch nie etwas anderes! Seit meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, es würde schon alles in Ordnung zu bringen sein – solange ich nur Worte dafür finde.

Ereignisse, Emotionen, Unsicherheiten – indem ich die Dinge aufschrieb, verstand ich sie besser. Gedanken wurden greifbar, Erinnerungen sortiert und abgelegt, das Chaos bekam eine gewisse Ordnung – nach wie vor habe ich keinen Zweifel daran, dass mir das geschriebene Wort mehr als nur einmal Netz und doppelter Boden zugleich war.

Und jetzt?

Ich habe seit Jahresbeginn nichts mehr geschrieben. Auch die Monate zuvor fiel es mir schon deutlich schwerer. Ab und an habe ich diesen Um-, bzw. Zustand schriftlich thematisiert und die Schuld daran der KI in die Bits and Bytes geschoben. Doch selbst wenn diese unsägliche Flut technisch generierter Texte den Markt verändert hat, so verbietet mir ja niemand, mich an meinen Laptop zu setzen.

Ich bin es, die nicht schreibt.

Nicht, weil ich keine Zeit habe.
Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte.

Ich schreibe nicht, weil ich es wohl doch nicht muss.
Weil etwas, das immer in mir war, plötzlich still geworden ist.

Und das erschreckt mich mehr, als ich erwartet hätte.


Was, wenn ich mich geirrt habe?

Wenn das Schreiben vielleicht doch nicht meine „Passion“ ist? Doch nicht „mein Ding“, das mir schon vor Anbeginn meiner Zeit in meine Seele gelegt wurde, weil es nun mal einfach so sein sollte?

Ich dachte immer, ich bräuchte das Schreiben zum Leben. Es war, neben der Musik, der rote Faden der alles zusammengehalten hat, und (so doof es sich vielleicht auch anhört) ich habe momentan das Gefühl, ich hätte mein Leben lang etwas uheimlich Wichtiges übersehen. Oder mir etwas vorgemacht. Mich selbst verarscht. So empfinde ich es und darüber denke ich seit einer Weile recht intensiv nach.

Eine (vage) Erkenntnis:

Vielleicht ist es gar nicht das Schreiben, das ich brauche. Vielleicht ist es einfach nur das, was es mir ermöglicht – Ausdruck, Zentrierung, eine Verbindung schaffen, zwischen gestern und heute, zwischen innen und außen? Wiegt der Zweck nicht bekanntlich mehr als das Mittel? Und ging es womöglich nie um das Mittel?


Aktuell mache ich wieder mehr Musik. Habe meine Aquarellfarben wieder aus dem Schrank geholt. Neue gekauft. Ich kann mich in Dinge stürzen, die nichts mit Worten zu tun haben – aber doch etwas zu erzählen haben. Darüber hinaus sind sie hör- und sichtbar. Sprechen mehrere Sinne an. Und das nicht mal nur während der Zeit, in der ich mich damit beschäftige.

Noch etwas Positives ist mir aufgefallen: Seit ich wieder mit dem Malen begonnen habe, hat sich meine Welt enorm verändert. Ich laufe durch die Gegend und sehe plötzlich so viel mehr als zuvor. Farben, Formen, alles scheint mich anzuspringen und zu rufen: „Sieh nur genau her. Ist dir schon jemals aufgefallen, dass …?“

Jeder Baum, jede Wolke, jedes Gesicht – alles wirkt so viel detailreicher, so viel intensiver, als würde ich meine Augen zum ersten Mal benutzen. Es gab schon etliche nahezu magische Momente und ich frage mich, wie sehr wir wohl auch in anderen Bereichen in gewohnten Mustern feststecken und nicht mal mehr auf die Idee kommen, dass die Dinge noch etwas ganz anderes für uns bereithalten könnten – etwas, das wir einfach nur (noch) nicht wahrnehmen. Oder nicht mehr.

Es heißt nicht umsonst, dass wir unsere Umwelt nicht etwa so sehen, wie sie ist, sondern so, wie wir sind … Da ist viel Wahres dran.

Wenn ich mich also tatsächlich geirrt habe, dann war das Schreiben nie das, wofür ich es gehalten habe. Dann war es doch nicht die einzige Form, die mir erlaubt hat, meine Welt zu begreifen, sondern nur eine von vielen Möglichkeiten, mich in diesem Leben zurechtzufinden, mich auf etwas zu fokussieren – oder auch das genaue Gegenteil.


Nun scheint es, als wäre etwas weggebrochen, das seit jeher mein Fundament war.

Und was bleibt jetzt noch von mir?

Diese Frage macht mir ein bisschen Angst.

Ich habe mich so lange über das Schreiben definiert und wenn ich bei Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“ an der Stelle angelangt war, an der er Franz Xaver Kappus rät, er solle in sich gehen und sich in der stillsten Stunde seiner Nacht fragen, ob er denn wirklich schreiben müsse, dann wollte ich immer am liebsten laut „Aber natürlich muss ich das!“ rufen – aber nein. Muss ich offensichtlich nicht. Ich bin wohl doch keine Dichterin. Keine Schriftstellerin. Ich kann auch ohne. Und das fällt mir im Alter von 50 Jahren auf. Hhm. Das ist hart. Irgendwie.

Vielleicht war es ein Fehler, mich über das Schreiben zu definieren.
Oder auch einfach nur zu eng gedacht. Vielleicht geht mir ja gar nichts verloren, vielleicht gewinne ich stattdessen ja etwas dazu?


Die Suche nach dieser „einen Sache“

Wir lieben die Idee, dass wir „unser Ding“ finden.

Diese eine Begabung. Diese eine Leidenschaft. Das, was wir rund um die Uhr tun können, selbst dann, wenn wir niemals auch nur einen Cent dafür sehen.

„Sein Ding“ gefunden zu haben, gibt Sicherheit. Sinn. Identität. Sind wir uns dieser Sache bewusst und scheinen darüber hinaus auch noch über ein gewisses Talent dafür zu verfügen, dann haben wir in gewisser Weise eine Antwort auf die Frage gefunden: Wer bin ich?

Aber wenn ich so drüber nachdenke …
War mein Leben denn jemals so eindeutig?
Oder habe ich mir diese Klarheit nur erschaffen, weil sie gewissermaßen beruhigend war?

Die Wahrheit ist wohl, dass ich noch nie nur eine Schreibende war.

Ich war immer auch das, was daneben existiert hat – nur habe ich es weniger ernst genommen.


Und jetzt?

Keine Ahnung. Dass ich nach längerer Zeit der Stille ausgerechnet über das Nicht-Schreiben schreibe, ist ja fast schon wieder ein bisschen witzig.

Womöglich geht’s ja gar nicht darum, sich festzulegen.

Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe nicht die, sich selbst zu „finden“, sondern vielmehr die, sich zu erlauben, sich immer wieder zu verändern. Weg vom strengen Regelwerk, das besagt, dass man „sein Ding“ bis zum bitteren Ende durchzuziehen hat, komme was wolle. Klingt einerseits total spannend, andererseits aber auch ein bisschen verloren.
Wie ein Ich ohne klare Kontur. So jedenfalls fühle ich mich gerade. – In vielerlei Hinsicht.

Wie es hier, auf Insta oder auch YouTube weitergehen wird, das kann ich heute noch nicht sagen. Gut möglich, dass ich eines schönen Tages wieder mehr schreiben möchte – dann werde ich das auch ganz bestimmt tun. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich will.

Vielleicht wird es dann ein anderes Schreiben sein. Vielleicht auch nicht. Oder meine Gedichte verwandeln sich in Songs – wer weiß, habe ich früher ja auch ab und an mal gemacht. Hhm … Dieser Gedanke gefällt mir grade ausgesprochen gut, fällt mir auf. 😉

Ist aber auch egal, es geht im Moment gar nicht so sehr darum, eine endgültige Antwort zu finden.

Es scheint mir eher darum zu gehen, die Frage auszuhalten:

Wer bin ich, wenn ich mich nicht festlege?
Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?

Ich weiß es noch nicht genau.

Aber ich bin dabei, es herauszufinden.

Da mich diese Thematik aktuell sehr beschäftigt, dachte ich, ich erzähle einfach mal kurz darüber – vielleicht erkennt sich ja jemand ein bisschen darin wieder. Danke fürs Lesen, liebe Grüße und eine gute Zeit euch allen!

Möge das, was ihr tut, euch mit Freude erfüllen.

Rebecca


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Eine Antwort zu „Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?“

  1. Avatar von Im Wörterwald

    Hallo Rebecca,

    ich habe deine Stimme tatsächlich vermisst und mich oft gefragt, warum wohl nichts mehr kommt. Ich vermutete, dass Dein Buch ein Gipfel war, ein hehres Ziel. Und das war erreicht. Dann geht man ins Tal… 🙂 (und findet Farben und Dinge, die man vorher nicht wahrgenommen hat). So ähnlich dachte ich.

    Ich bedauerte dein Verstummen, wenn es dabei bliebe. Aber ich ahne, Du spürst Veränderungen und die brauchen Raum.

    Vielleicht lässt Du uns gelegentlich daran teilhaben, vielleicht sind es Bilder, die ja 1000 Worte auf einmal sagen, oder die Sprache der Musik oder eine Kombi aus ‚allem‘.

    Wer weiß?

    Herzlichen Gruß, Oliver (Woerterwald)

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