Erfolgreicher Anwalt mit schönster aller Ehefrauen (selbst gefeierte Lungenfachärztin, die Kinder, Job und Haushalt bringt problemlos unter einen Hut bekommt, stets bester Laune und allseits beliebt ist) bekommt irgendein unmoralisches Angebot, welches er selbstverständlich ablehnt, weil sein Gewissen sowas einfach nicht zulässt. Abends erzählt er vor dem knisternden Kaminfeuer seiner Gattin davon, welche seine Aufrichtigkeit mit einem hochemotionalen Liebesgeständnis und einer entspannenden Rückenmassage honoriert, während im Hintergrund Bon Jovi „Always“ trällert.
Himmelherrgott! Was in aller Welt sollte mich dazu bewegen, solch eine Geschichte zu lesen? Friede, Freude, Eierkuchen – todlangweilig.
Nein, der Stoff, aus dem Helden gewebt sind, ist nicht kuschelweich und flutscht auch nicht dahin, wie heiße Himbeeren übers Vanilleeis.
Warum geben wir unserem Anwalt nicht eine manisch-depressive Ehefrau, welche ihren Job los ist, weil sie besoffen im OP gestanden, eine Operation böse versemmelt und nun ein Berufsverbot aufgebrummt bekommen hat?
So’n Mist, die pompöse Luxusvilla, die Yacht und was weiß ich nicht noch alles wollen aber trotzdem bezahlt werden – und nun unterbreiten wir unserem Hauptcharakter erneut unser verwerfliches Angebot …
- Was, wenn die Kohle knapp wird?
- Was, wenn die Nachbarn oder die Freunde aus dem Golfclub rauskriegen, dass es grade nicht so gut läuft?
- Was, wenn …
Fragen über Fragen.
Nicht, dass ich mich nun eher in einen Anwalt hineinversetzen könnte, aber ich habe eine ganz gute Vorstellung davon, wie es in unserem Protagonisten aussehen müsste, dass er vor ernsten Problemen steht und irgendwie eine Lösung her muss.
Wenn jetzt noch eines seiner Kinder schwer krank wird oder noch mehr Unvorhergesehenes passiert, dann haben wir ihn da, wo er hingehört:
In einer Konfliktsituation, aus der er nicht so ohne Weiteres herauskommt.
Ob, und falls ja, wie er das schafft, das könnte eventuell recht interessant sein, da kann man doch mal ein paar Seiten weiterlesen.
Gute Helden gibt`s nicht von der Stange.
Sie haben irgendeinen Spleen, ein ausgefallenes Hobby, psychische Probleme, körperliche Einschränkungen, sind voller Widersprüche – irgendetwas, das ihnen Ecken und Kanten verleiht, sie nicht der Norm entsprechen und dadurch dreidimensional und spürbar lebendig werden lässt.
Nichts ermüdet Leser mehr, als stereotype Charaktere (die brave Hausfrau, der taffe Ermittler, der schüchterne Buchhalter …).
Hauptfiguren brauchen ein Ziel und etwas, das sie daran hindert, bzw. es ihr verdammt schwer macht, dieses Ziel zu erreichen. Dieses Hindernis (der Konflikt) kann in ihr selbst oder in den äußeren Umständen begründet sein.
Raymond Hull hat das in seinem Buch “How to write a play” in eine Formel gepackt:
H + Z + O = K
Hauptfigur + Ziel + Opposition = Konflikt.
Wie im echten Leben. Das is ja`n Ding! Perfekt!
Das ist der Stoff, aus dem lesenswerte Geschichten gemacht sind, hier haben wir ein ganzes Buch lang die Möglichkeit, unseren Helden auf seiner Reise zu begleiten – und für gewöhnlich ist er am Ende der Geschichte ein ganz anderer, hat sich entwickelt und seine Probleme irgendwie in den Griff bekommen. Meistens zumindest.
Wenn nicht, dann hat er wenigstens (hoffentlich) auf spektakuläre Art und Weise versagt und wir waren live dabei!
Was immer hilft, ist, seine Charaktere bestmöglich zu kennen, bevor man sie ins Abenteuer schickt. Ein Lebenslauf und ein imaginäres Interview sind da Gold wert.
Ich muss die Antwort kennen, auf die Frage: Was tut meine Figur, wenn …? Religiöse Ansichten sind genauso wichtig, wie der familiäre Hintergrund und natürlich irgendwelche dramatischen Erlebnisse. Ist ja bei uns nicht anders.
Jemand, der in wenigen Tagen heiratet, betritt eine Kirche mit ganz anderen Gefühlen, als jemand, dessen Partner gerade im Sterben liegt – und aus Emotionen ergeben sich Denken und Handeln.
Der Leser darf nicht vor der Geschichte sitzen und irgendwann laut aufschreien: „Moooment! Das hätte der aber jetzt nie und nimmer so gemacht!“
Charaktere können so verschroben sein, wie sie wollen, sie müssen dennoch in sich schlüssig sein. Die Erschaffung einer literarischen Figur ist ein echter Schöpfungsprozess – fast könnte man meinen, man spiele Gott. Und wann hat man dazu schon mal die Möglichkeit …
Rebecca | Schreibtrunken





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