Um sich während des Schreibens einer Geschichte möglichst wenig zu verzetteln, beginnt die Arbeit etlicher Autorinnen und Autoren schon lange vor dem eigentlichen Schreiben – sie planen (plotten) ihre Story im Vorfeld. Häufig hilft es, sich am Schema der HELDENREISE zu orientieren – und um genau die soll es in diesem Beitrag gehen.
Nicht wenige erfolgreiche Bücher sind auf diese Weise aufgebaut – so auch Harry Potter, die Unendliche Geschichte, Der Herr der Ringe, Stardust – alle möglichen und unmöglichen Geschichten sämtlicher Genres, in denen eine vermeintlich schwache Figur sich aufmacht, ihre wahre Bestimmung zu finden (die nicht immer in epischen Schlachten gefunden werden muss …).
Am Anfang steht die EINLEITUNG, wir lernen unseren späteren Helden in seiner alltäglichen Umgebung kennen, erfahren, wie es ihm geht, was er so treibt, welche Schwächen er hat. Wirklich heldenhaft wirkt, um mal bei Harry Potter zu bleiben, Harry hier noch nicht, er hat es alles andere als leicht und wir, als Leser, schließen ihn bereits nach wenigen Zeilen ins Herz. Allerdings bekommen wir auch schon eine Ahnung davon, dass es mit ihm irgendetwas Besonderes auf sich haben muss.
DER RUF – Call to action: Der Held wird ins Abenteuer beordert, im Fall von Harry kommt Post aus Hogwarts ins Haus geflattert – im wahrsten Sinne. Er spürt, dass irgendetwas Großes bevorsteht.
WEIGERUNG: Entweder, der spätere Held verweigert sich aktiv (wie z. B. Bilbo im „Kleinen Hobbit“, als er die Zwerge zunächst nicht begleiten möchte), oder etwas anderes hindert ihn. Im Fall von Harry ist es Onkel Vernon, der alles daran setzt, Harry im Ligusterweg Nr. 4 in Little Whinging zu behalten.
MENTOR & AUFBRUCH: Hagrid taucht auf, klärt Harry über den Tod seiner Eltern auf und darüber, dass er ein Zauberer ist. Er schwingt sich mit Harry aufs Motorrad, sie verlassen die kleine Insel und los geht das Abenteuer! Ein späterer Mentor wird Dumbledore sein.
DIE SCHWELLE: Diese überschreitet Harry, als er mit Hagrid davonfliegt, eine weitere, bedeutende Schwelle ist das Gleis 9 ¾.
NEUE WELT: Einen ersten Blick auf diese neue Welt wirft Harry in der Winkelgasse, später im Zug, kurz danach in Hogwarts. Wir erfahren, wie es dort so zugeht, welche Regeln herrschen, lernen neue Charaktere kennen, etc. – Die Leserschaft soll an dieser Stelle einen groben Überblick über den Schauplatz bekommen.
FREUND & FEIND
Ron und Hermine werden zum Team Harry, Malfoy eher nicht. Wir erfahren etwas mehr über die Hintergründe der anderen Figuren.
PRÜFUNGEN Welche Herausforderungen muss unsere Figur meistern, um später zum Helden werden zu können? Was lernt sie (oder worin versagt sie)?
DIE TIEFSTE HÖHLE: Hier schaut es für unseren Helden düster aus. Konflikte steigern sich, er ist vom Erreichen seines Ziels meilenweit entfernt. Harry erkennt, dass es gar nicht Snape war, der ihn beim Quidditch-Spiel verhext hat und dass er, Hermine & Ron sich die ganze Zeit geirrt haben.
HÖCHSTE PRÜFUNG: Wie gewohnt: Der „Endkampf“ mit Voldemort.
BELOHNUNG: Harry ist über sich hinausgewachsen, hat Voldemort besiegt, erfährt von Dumbledore Details über sein Herkunft und dass es die Liebe seiner Mutter war, die ihn vor dem Tod bewahrt hat. In anderen Büchern hat der Held an dieser Stelle einen tatsächlichen Schatz gefunden (oder bekommt eine Krone aufs Haupt gesetzt), es kann aber auch ein Schatz im übertragenden Sinne sein.
RÜCKKEHR: Der Held hat sich verändert und kehrt an den Ausgangspunkt zurück – zu den Dursleys. Er ist aber nicht mehr der, der er ein Jahr zuvor noch war. Er ist in der magischen Welt eine echte Berühmtheit und kann nun auch in der Muggelwelt bedeutend selbstsicherer auftreten.
VERWANDLUNG: Am Ende ist der Charakter meist deutlich größer geworden, gibt sein altes Leben auf und widmet sich neuen Aufgaben, die zu Beginn undenkbar gewesen wären.
Um diese Heldenreise möglichst so zu planen, dass am Ende auch alles zusammenpasst (nein, die Sache mit dem Elderstab ist JKR laut eigener Aussage nicht erst beim Schreiben von Band sieben eingefallen …) gibt es wiederum diverse Möglichkeiten, sei es die 3- oder 5-Akt-Struktur, die Schneeflockenmethode, etc.
Der Vorteil dieser sehr strukturierten Vorgehensweise ist die geringe Gefahr, sich auf dem Weg durch die Geschichte zu verzetteln.
Wer aus dem Bauch heraus schreibt (wobei natürlich ebenfalls Großartiges herauskommen kann), tippt sich gern mal in die Logikfalle oder stolpert kopfüber in Handlungslöcher – er muss beim Schreiben all die Arbeit leisten, die strukturiert und nach Plan vorgehende Schreibende bereits hinter sich haben.
Platz für Kreativität und Entwicklung ist übrigens trotz geplanter Struktur noch genug da – wäre ja schlimm, wenn nicht.
Wer jetzt denkt: „Ja, super – was will ich mit Fantasy, ich steh auf Rosamunde Pilcher und will nen Liebes-Schmöker schreiben!“, der wird, wenn er darauf achtet, feststellen, dass auch dort die Heldenreise zu finden ist.
Es stehen nur keine Zauberer im Weg, sondern das uneheliche Kind vergangener Tage, welches das traute Ehe-Glück gefährdet, der Bauunternehmer, der das beschauliche Café abreißen will und die Belohnung am Ende ist für gewöhnlich ein funkelnder Ehering am Finger der weiblichen Hauptakteurin (angesteckt von bereits erwähntem Bauunternehmer – selbstredend …).
Das mal zur Heldenreise –
frohes Schreiben!
Rebecca | Schreibtrunken





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