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Warum Ideen gerne duschen


Es gibt einen Ort, an dem außergewöhnlich viele großartige Ideen entstehen.

Nicht am Schreibtisch, im Schreibkurs oder beim Spazierengehen – du musst nicht einmal das Haus verlassen. Die besten Ideen klopfen nämlich erfahrungsgemäß exakt dann an deine Hirnwindungen, wenn du gerade unter der Dusche stehst.

Jawohl. Unter der Dusche.

Niemand weiß genau, warum, aber offenbar besitzt fließendes Wasser magische Eigenschaften, denn kaum steht ein Autor unter der Dusche, beginnt sein Gehirn plötzlich Höchstleistungen zu vollbringen. Probleme lösen sich. Dialoge entstehen. Plotlöcher werden wie durch Geisterhand versiegelt und die Geschichte nimmt innerhalb von dreienhalb Minuten mehr Fahrt auf als in den vergangenen vier Wochen am Schreibtisch.

Der Nachteil: Man kann nichts davon aufschreiben.
Das gehört offenbar zum Geschäftsmodell.

Vorhersehen lässt sich sowas in der Regel nicht. Du steigst ahnungslos unter die Dusche, denkst an nichts Besonderes – vielleicht ans Abendessen, vielleicht an die Wäsche, vielleicht daran, dass du eigentlich schreiben solltest.

Dir schießt dieser Satz durchs Hirn. Dieser eine Satz.
Er ist nicht einfach gut. Auch nicht ziemlich gut. Er ist perfekt.

Genau die Formulierung, nach der du seit Tagen suchst. Literaturpreisverdächtig. Du bleibst reglos stehen und wiederholst ihn innerlich. Noch einmal. Und noch einmal. Damit du ihn nicht vergisst – nicht schon wieder. Aber das wird schon nicht passieren, schließlich ist er brillant. So etwas vergisst niemand.

Sieben Minuten später trocknest du dich ab und erinnerst dich nur noch an zwei Wörter. Eines davon war „Hund“. Das andere könnte „Fenster“ gewesen sein. Der Rest ist fort. Für immer. Und du kannst nichts weiter tun, als zuzuhören, wie der Grundstein deiner unvergleichlichen Schriftstellerkarriere unbarmherzig durch die Kanalisation davonrumpelt.


Besonders gemein wird es nachts. Wenn das Gehirn erst einmal merkt, dass weder Papier noch Handy in Reichweite sind, liefert es nämlich seine besten Ideen. – Aus Prinzip.

Da liegt man also völlig ramdösig im Bett, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, und plötzlich weiß man genau, warum Kapitel zwölf nicht funktioniert. Warum die Nebenfigur gelogen hat. Warum der Antagonist eigentlich recht hat und wieso der Hund der Schlüssel zur gesamten Handlung ist.

Alles ergibt Sinn. Einfach alles.

Man denkt: Das muss ich mir unbedingt merken! – doch wir wissen alle, wie die Geschichte endet.

Am nächsten Morgen erinnert man sich nur noch daran, dass man irgendwann begeistert war. Worüber? Keine Ahnung. Irgendwas mit einem Hund.


Autoren führen deshalb ein merkwürdiges Doppelleben. Tagsüber sitzen sie am Schreibtisch und versuchen verzweifelt, gute Ideen zu finden. Das Gehirn jedoch trägt ein Schild vor seinem Frontallappen: „Heute geschlossen.“ Abends steigt man unter die Dusche und plötzlich liefert dasselbe Gehirn komplette Kapitel. Man könnte fast glauben, es arbeite gegen einen.

Tatsächlich gibt es dafür sogar eine Erklärung. Eine ziemlich unromantische. Unser Gehirn besitzt zwei Betriebsmodi: den Arbeitsmodus und den „Ich-starre-gerade-ins-Leere-und-lasse-meine-Gedanken-spazieren-gehen“-Modus. Autoren bevorzugen verständlicherweise den ersten. Das Gehirn häufig den zweiten.

Während wir aktiv an einem Problem arbeiten, denken wir oft sehr gezielt, sehr kontrolliert und erstaunlich geradlinig. Unter der Dusche passiert das Gegenteil. Der Kopf entspannt sich, Gedanken wandern fröhlich pfeifend durch die Gegend, treffen auf andere, Verbindungen entstehen – und plötzlich macht es Klick.


Agatha Christie entwickelte angeblich viele ihrer Ideen beim Abwaschen. Andere Autoren beim Spazierengehen. Wieder andere beim Autofahren. Im Grunde bedeutet das nur: Das Gehirn arbeitet weiter, auch wenn wir glauben, gerade nichts zu tun.

Eigentlich eine schöne Erkenntnis – wäre da nicht das Problem mit dem Aufschreiben.

Denn Ideen besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie wirken exakt so lange unsterblich, bis man versucht, sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederzufinden. Dann lösen sie sich auf wie Nebel in der Morgensonne.

Das ist auch der Grund, warum erfahrene Autoren jede Menge Notizbücher besitzen, Handy-Apps und Schubladen voller Zettelberge, die an Ermittlungsakten von Kriminalfällen erinnern.

Nicht weil sie besonders organisiert wären, sondern weil sie gelernt haben:

Vor allem nicht nachts. Vor allem nicht unter der Dusche.

Die eigentliche Tragödie besteht darin, dass manche der besten Ideen niemals geschrieben werden. Sie entstehen, glänzen kurz und verschwinden wieder. Ein leuchtender Komet, der einen in Staunen versetzt und kurz darauf am Rande unserer Realität verglüht. – Eine literarische Sternschnuppe, die nur leider keine Wünsche erfült.

Wenn du also das nächste Mal unter der Dusche plötzlich die perfekte Formulierung findest, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du steigst tropfnass heraus und schreibst sie sofort auf. Oder du sitzt am nächsten Morgen wieder vor einem rätselhaften Gedanken.

Irgendwas mit einem Hund. Und einem Fenster.

Vielleicht.

Man weiß es nicht.



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