Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, anderen zuzuhören.
Den Eltern. Lehrern. Freunden. Kollegen. Nachrichten. Experten. Meinungen. Empfehlungen. Warnungen. Ratschlägen. Von morgens bis abends prasseln Stimmen auf uns ein. Manche laut. Manche leise. Manche meinen es gut mit uns, andere nicht.
Mit der Zeit lernen wir sehr gut, andere zu verstehen.
Doch wir verlernen, uns selbst zuzuhören.
Und das, obwohl man doch mit sich selbst zusammenlebt. Vierundzwanzig Stunden am Tag. – Ein Leben lang.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl …
Du funktionierst, erledigst Dinge, triffst Entscheidungen und bewegst dich wie selbstverständlich durch deinen Alltag.
Fragt dich jemand, wie es dir geht, lautet die Antwort „Kann nicht klagen, alles gut“ und an den meisten Tagen glaubst du das sogar selbst.
Würde man dich aber fragen:
„Jetzt mal Butter bei die Fische: Wie geht es dir eigentlich wirklich?“, könntest du dann auch so spontan antworten? Oder würde vielleicht eine kleine Pause entstehen? Ein Moment der Stille?
Nicht aus Höflichkeit.
Sondern weil du die Antwort tatsächlich nicht kennst.
Mit Fakten kennen wir uns aus. Wir wissen, welche Termine anstehen, welche Probleme gelöst werden müssen, ob wir Sushi oder Gyros lieber mögen.
Aber wie es einem wirklich geht?
Das ist oft gar nicht so leicht zu beantworten – zum Einen, weil wir selten nach diesem „so wirklich?“ gefragt werden, zum Anderen aber vielleicht auch deshalb, weil unser Inneres die leisen Töne bevorzugt.
Es brüllt nicht. Schickt keine E-Mails. Es hält keine Präsentationen und fordert keine Aufmerksamkeit ein. Es spricht eher wie jemand, der am anderen Ende eines großen Raumes sitzt und den man von dort, wo wir stehen, nur hören kann, wenn man ganz, ganz aufmerksam ist. Oder Lippenlesen beherrscht.
Deshalb sind viele der wichtigsten Dinge, die wir fühlen, nicht sofort klar zu erkennen.
Wir spüren vielleicht ein gewisses Unbehagen. Eine Sehnsucht. Eine Enttäuschung. Eine Angst. Irgendwas stimmt nicht. Oder etwas fehlt. Aber was?
Doch noch bevor wir der Sache weiter auf den Grund gehen können, lenkt uns schon wieder etwas ab. Das Handy klingelt. Die Post. Der Hund hat Hunger. Die Waschmaschine piept. – Der Alltag ruft.
Und die leise Stimme verschwindet wieder im Hintergrund.
Vielleicht schreiben Menschen deshalb Tagebuch. Oder Gedichte. Oder seitenlange Briefe, die niemals abgeschickt werden. Nicht weil sie anderen etwas mitteilen wollen, sondern weil Schreiben eine besondere Eigenschaft besitzt:
Es verlangsamt Gedanken.
Wenn wir denken, ziehen Gefühle oft wie Wolken vorbei. Kaum sind sie da, sind sie schon wieder verschwunden. Beim Schreiben bleiben sie. Weil wir ihenen Raum geben.
In einem Wort, einem Satz, dann noch einem – und plötzlich nehmen wir wahr, was da in unserem Innern so lange geschwiegen hat.
Wir beginnen zuzuhören.
Nicht den Nachrichten.
Nicht den Erwartungen anderer.
Sondern uns selbst.
Wer schreibt, hat sich bestimmt schon mal mit einem bestimmten Thema im Kopf vor ein leeres Blatt gesetzt – um wenige Minuten später festzustellen, dass es plötzlich um etwas völlig anderes ging.
Etwas, das offenbar schon lange darauf gewartet hat, gesehen zu werden.
Das Schreiben hat es nicht erschaffen. Es war bereits da. Das Schreiben hat lediglich geholfen, ihm seine Stimme zurückzugeben.
Genau darin liegt für mich die besondere Kraft des Schreibens.
Es zwingt uns nicht zu Ehrlichkeit.
Aber es ebnet uns den Weg.
Ein Blatt Papier urteilt nicht. Es widerspricht und unterbricht nicht. Es wartet einfach.
Und manchmal erzählen wir ihm Dinge, die wir keinem Menschen sagen würden.
Nicht unbedingt, weil wir sie für uns behalten wollen, sondern deshalb, weil wir sie selbst noch nicht ganz verstanden haben.
Wir tragen so viel mehr Wissen in uns, als wir glauben.
Nicht nur die Fakten oder klugen Antworten. Wir verfügen über ein Gespür. Eine Ahnung. Eine innere Stimme, die mehr weiß, als wir uns vorstellen können.
Doch dieses Wissen spricht selten in fertigen Sätzen.
Es spricht in Gefühlen und Bildern, in kleinen Verunsicherungen und stillen Sehnsüchten. Man muss lernen, ihm zuzuhören – und wie jede Kunst braucht auch diese regelmäßiges Üben.
Vielleicht beginnt sie mit zehn Minuten Stille. Oder mit einem Spaziergang. Einem Tagebuch. Vielleicht auch mit einer einzigen Frage:
„Was beschäftigt mich gerade wirklich?“
Eine einfache Frage – die häufig so schwer zu beantworten ist.
Doch manchmal öffnet sie auch eine Tür – zu Gedanken, die lange ungehört geblieben sind, bislang namenlosen Gefühen oder auch Antworten, die von außen nicht gegeben werden können.
Wir leben in einer Welt voller Stimmen.
Gerade deshalb ist es so wichtig, die eigene nicht zu verlieren.
Wir brauchen nicht unentwegt die Ratschläge anderer, keine Zweit-, Dritt- oder Viertmeinung und auch keine Deutung unseres Geburtshoroskops.
Manchmal genügt es, einen Moment still zu werden. Still zu werden und zuzuhören. Nicht den anderen.
Uns selbst.
Rebecca | Schreibtrunken



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