Schreibtrunken.de


Warum wir Geschichten erzählen


Menschen erzählen gerne Geschichten – und je nachdem, wie intensiv der jeweilige Gesprächspartner seine Erzählkunst nutzt, kann man sich manchmal durchaus fragen, warum man die letzten fünfzehhn Minuten seines Lebens damit verbracht hat, einem Monolog zu lauschen, für dessen eigentlichen Informationsgehalt es lediglich anderthalb MInuten benötigt hätte – maximal.

Machen wir uns nichts vor:

Wenn jemand fragt: „Wie war dein Urlaub?“, dann könnte die Antwort lauten: „Schön.“
Oder: „Sieben Tage Italien. Wetter gut. Hotel ging so.“

Fertig. Information erfolgreich übermittelt.

Stattdessen erzählen Menschen von der Zugfahrt, die beinahe schiefging, von diesem zaubrhaften kleinen Restaurant, das sie zufällig entdeckt haben, vom Gewitter am letzten Abend oder von dem älteren Herrn, mit dem sie ins Gespräch kamen und an den sie noch heute denken. Zehn Minuten später sind einige Umstehende felsenfest davon überzeugt, sie seien ebenfalls gerade erst aus Bella Italia zurückgekehrt.


Warum erzählen Menschen so gern „drumherum“ und garnieren ihre Antwort auf eine Frage mit allerhand Details, nach denen sie niemand gefragt hat?

Natürlich gibt es Ausnahmen.

Wer wissen möchte, wie viel ein Buttercroissant kostet, erwartet als Antwort den Preis und keine mehrminütige Abhandlung über Kuh Rosi, die aus dem Allgäu stammt, Löwenzahn bevorzugt, eine innige Freundschaft mit Schaf Herbert pflegt und allmorgendlich ihren Beitrag zu meinem so unglaublich schmackhaften Croissant leistet.

„Zwozwanzich.“ Das ist alles, was ich wissen will.

Manche Informationen funktionieren auch ohne das ganze Bromborium drumherum ziemlich gut. Wir unterhalten uns allerdinge eher selten mit fremden Menschen, in der Regel ist uns unser Gesprächspartner bekannt und wir teilen unsere Geschichte gern mit ihm – in klusive sämtlicher Details. Je näher wir uns stehen, umso mehr Details. Das ist Gesetz.


Sie wollen wissen, wie es war.
Wie sich die Aufregung angefühlt hat.
Warum etwas wichtig war.
Wie es nun weitergeht.


Vielleicht erzählen wir sie deshalb seit Tausenden von Jahren. Lange bevor Menschen Bücher schrieben. Lange bevor es Verlage gab. Lange bevor irgendjemand auf die Idee kam, Literaturpreise zu verleihen.

Geschichten waren längst da. Und sie blieben.

Offenbar erfüllen sie ein Bedürfnis, das tiefer reicht als bloße Wissensvermittlung. Denn wenn Wissen allein genügen würde, wären Bedienungsanleitungen die beliebteste Literaturgattung der Welt. – Sind sie aber nicht.


Tatsächlich denken Menschen oft in Geschichten.

Wenn wir uns an unsere Kindheit erinnern, haben wir keine Tabellen, Listen oder Stichpunkte im Kopf. Wir erinnern uns an einzelne Szenen. An Erfahrungen mit Menschen, an einen bestimmten Sommer, an einen peinlichen Moment in der Schule oder an den Tag, an dem plötzlich alles anders wurde.

Unser Gehirn scheint Erlebnisse lieber in Geschichten abzulegen als in Aktenordnern. Sogar das eigene Leben beschreiben wir häufig auf diese Weise. Wir sprechen von Wendepunkten, schwierigen Kapiteln, Neuanfängen, Umwegen und Lebenswegen. Fast so, als wären wir die Hauptfiguren eines Romans, dessen Handlung wir erst nach und nach verstehen.

Vielleicht hilft uns das, mit dem Chaos der Welt zurechtzukommen. Denn das Leben ist selten logisch. Vieles geschieht scheinbar zufällig und so manche Erfarung ergibt erst Jahre später Sinn. Geschichten schaffen Ordnung. Sie suchen nach Bedeutung und verbinden Ereignisse. Nicht immer objektiv, aber immer menschlich.

Kinder wollen Geschichten hören. Immer wieder. Oft allabendlich ein und dieselbe, bis sie sie irgendwann auswendig mitsprechen können. Warum?

Weil der ritualisierte Ablauf einer Geschichte Sicherheit gibt und die Welt für Kinder verständlicher, überschaubarer und vorhersagbarer macht.

Es ist uns häufig nicht bewusst, aber daran hat sich bin ins Erwachsenenalter wenig geändert. Wir nennen es heute nur anders: Roman. Film. Serie. Graphic Novel. Was auch immer.

Die Sehnsucht dahinter ist dieselbe geblieben: Wir möchten verstehen.
Uns selbst. Andere . Die Welt.

Und Geschichten helfen uns dabei.

Deshalb begleiten sie uns überall: in Familien, in Freundschaften, in Religionen, in Nationen.


Auch Unternehmen erzählen Geschichten und wer das „Storytelling“ beherrscht, hat einen echten Verkaufsbooster entdeckt.

Abstrakte Fakten kommen beim potentiellen Käufer nachweislich sehr viel besser an, wenn man sie emotional auflädt und auf diese Weise an den Mann oder die Frau zu bringen versucht.

Nehmen wir nur mal die berühmte Weihnachtskampagne mit den roten Lastwagen. Während die Trucks bunt vor sich hinblinken, die schneebedeckte Landschaft auf der Mattscheibe vorüberzieht und im Hintergrund „Holiday is coming, holiday is coming“ erklingt, ist die Botschaft an uns Otto-Normalverbraucher nicht etwa:

„Diese Brause enthält Wasser, Kohlensäure und Unmengen Zucker.“

Sondern:

Das Produkt wird mit einem möglichst heimelien Gefühl verknüpft.

Mit Handys oder Sportschuhen ist das nicht anders.

Ein Smartphone wird nicht als technisches Gerät verkauft, sondern als Werkzeug für Träume, Ideen und Selbstverwirklichung. Werbung für Sportschuhe handelt oft gar nicht von Schuhen, sondern von Menschen, die scheitern, kämpfen, weitermachen und über sich hinauswachsen.

Die Geschichte lautet:

Der Schuh ist dabei fast Nebensache.

Wer darauf achtet, wird feststellen, dass wir im Handel überall von Geschichten umgeben sind und wenn wir irgendein Produkt ganz besonders ins Herz geschlossen haben, dann hat das höchstwahrscheinlich (auch) Gründe, die mit dem Produkt selbst rein gar nichts zu tun haben.


Ob Großkonzern oder die Nachbarin am Gartenzaun – beim Erzählen von Geschichten geht es letztlich immer darum, Verbindung zu schaffen.

Zwischen Generationen. Zwischen Fremden.
Zwischen dem eigenen Erleben und dem anderer Menschen.

Jede Geschichte sagt im Grunde: „So habe ich die Welt erlebt.“
Und manchmal hört ein anderer Mensch diese Geschichte und erkennt darin plötzlich etwas von sich selbst. Eine Erinnerung. Angst. Hoffnung. Irgendetwas, für das er bisher keine Worte hatte.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kraft von Geschichten.

Sie lassen uns spüren, dass wir mit unserem Erleben nicht allein sind.

Vielleicht erzählen wir deshalb seit Jahrtausenden Geschichten. Nicht etwa, weil wir die Welt erklären wollen. Sondern weil wir versuchen, unseren Platz in ihr zu finden. Und weil manchmal schon ein einziger Satz genügt, damit ein anderer Mensch denkt:

„Ja. Genau so habe ich das auch erlebt.“

Und für einen Moment fühlt sich unsere Welt ein wenig weniger einsam an.


nach oben


Dein Echo auf diese Zeilen


Schreibtrunken.de