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Schreiben wir auf, um zu erinnern – oder um zu vergessen?

Seit der Mensch schreiben kann, schreibt er seine Erlebnisse auf.

Nicht alles. Nur das, was ihm wichtig erscheint. Oder schmerzhaft. Oder besonders schön. Wir führen Tagebücher, schreiben Briefe, machen Notizen, verfassen Gedichte und erzählen Geschichten. Und meistens glauben wir zu wissen, warum wir das tun: damit wir uns erinnern.

Doch ist das tatsächlich so?

Wer jemals, von Schlaflosigkeit geplagt, seine Gedanken auf Papier gebracht hat, kennt dieses Gefühl vielleicht. Vorher kreisten die Gedanken unaufhörlich. Dieselben Fragen. Dieselben Sorgen. Dieselben Erinnerungen. Dann steht man auf, nimmt sich Stift und Papier und schreibt. Seite für Seite. Und plötzlich wird es stiller im Kopf. Nicht weil das Problem verschwunden wäre. Sondern weil es nicht mehr ausschließlich im Kopf existiert. Es liegt nun vor uns. In Worten. Auf Papier. Fast könnte man sagen: Wir haben es abgegeben.

Genau darin liegt für mich ein großer Teil der Magie des Schreibens.
Es bewahrt und entlastet zugleich – je nachdem, was gerade nötig ist.


Tagebücher sind dafür ein gutes Beispiel. Viele Menschen beginnen in schwierigen Zeiten mit dem Tagebuchschreiben. Eigentlich schreiben sie, um nicht zu vergessen – und merken irgendwann, dass das Schreiben ihnen dabei hilft, überhaupt weitergehen zu können.

Erinnerungen verändern sich. Nicht weil die Vergangenheit sich verändert – sondern weil wir uns verändern. Schreiben wir aber etwas auf, geben wir dem Moment eine Form. Wir sagen gewissermaßen: „Genau so habe ich es erlebt.“ Später können wir in diesen Moment zurückkehren, zu der Person, die wir waren, als wir diese Zeilen geschrieben haben.

Ein alter Tagebucheintrag zeigt uns oft nicht nur, was passiert ist, er zeigt uns auch, wie wir gedacht haben, wovor wir Angst hatten und worauf wir gehofft haben.

Manchmal lesen wir Jahre später alte Einträge und denken: „Ach herrje, das hatte ich völlig vergessen.“ Und nicht selten erkennen wir in solchen Momenten, wie weit wir schon gekommen sind – heimlich, still und unbemerkt.

Was wir aufschreiben, verschieben wir von unserem Gedächtnis in ein sehr viel zuverlässigeres Archiv. Unser Gedächtnis ist ein Geschichtenerzähler. Es kürzt, vergisst, setzt neue Maßstäbe. Es kann Dinge hinzufügen und andere auslöschen – doch das Schreiben hält den Augenblick fest. So, wie er tatsächlich war, ehe die Erinnerung ihn umfunktioniert hat.

Dann ist da aber auch noch die Sache mit dem Vergessen …

Wer einen dieser Briefe schreibt, die man niemals abschickt, dem geht es meist nicht darum, sich irgendwann möglichst zuverlässig erinnern zu können. Er möchte etwas aussprechen, aus sich herauslassen – etwas loswerden. Das Papier wird dann lediglich zu einem Zeugen, nicht zu einem Archiv.

Viele therapeutische Schreibübungen beruhen genau darauf. Man schreibt nicht, um die Geschichte festzuhalten, man schreibt, damit sie nicht länger im Inneren feststeckt. Damit sie sich bewegen und einen neuen Platz finden kann.


Vielleicht schreiben wir tatsächlich aus beiden Gründen.

Um zu erinnern und um zu vergessen.
Um festzuhalten und um loszulassen.
Um zurückzublicken und um weiterzugehen
.

Wie Kinder sowohl Wurzeln als auch Flügel brauchen, so brauchen auch Erinnerungen beides. Manche Erfahrungen möchten bewahrt werden, andere möchten endlich ruhen – und manchmal hilft uns ein und derselbe Stift bei beidem.

Seit Menschen schreiben können, schreiben sie.
Nicht weil Worte die Vergangenheit verändern können – das können sie nicht.

Aber sie können verändern, wie wir sie tragen.

Dein Echo auf diese Zeilen



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