Mein Vater hieß Hans-Erich.
Die meisten Menschen nannten ihn einfach Erich. So wie man Menschen eben nennt. Man kürzt, verniedlicht, vergibt Spitznamen. Ein Name muss scheinbar immer irgendwie leichter über die Lippen gehen.
Ich war etwa Mitte Dreißig, als mein Vater etwas gesagt hat, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist:
„Einen Menschen wird man nie ganz erfassen, wenn man seinen vollständigen Namen nicht schätzt.“
Damals fand ich das etwas übertrieben – heute verstehe ich sehr viel besser, was er gemeint haben muss.
Ich denke nicht, dass er wirklich über Namen gesprochen hat – er sprach über Menschen.
Hans-Erich und Erich. Auf den ersten Blick ein und dasselbe. Für meinen Vater aber ganz und gar nicht. Er hat etwas erkannt, das mir mittlerweile auch bewusst geworden ist: Dass zwischen diesen beiden Namen ein Unterschied liegt. Nicht unbedingt ein sichtbarer, aber ein spürbarer.
„Erich“ war der Mann, den die Welt kannte. Der Kollege. Der Nachbar. Der Freund. Der Handwerker. Aber „Hans-Erich“ war etwas Größeres. Die ganze Geschichte.
Der Junge, der er einmal gewesen war. Die Hoffnungen seiner Eltern, als sie diesen Namen aussuchten. Die Jahrzehnte, die sich darin angesammelt hatten. „Hans-Erich“ beinhaltete alles, was er gewesen war und geworden ist.
Unsere Namen kommen in der Regel zu uns, bevor wir überhaupt wissen, wer wir sind. Jemand gibt sie uns. Eltern. Großeltern. Manchmal steckt eine Familiengeschichte darin, eine Hoffnung, ein Wunsch oder eine Erinnerung. Und dann tragen wir diesen Namen ein Leben lang mit uns herum.
Wir verlieren Wohnungen, Berufe, Freundschaften, manchmal sogar Teile unserer Identität – aber unser Name reist mit. Vom ersten krakeligen „a“ in der ersten Klasse bis zu unserem handgeschriebenen Testament.
Ich erinnere mich gut an meine Schulzeit. Um mich herum wimmelte es von Michaelas, Nicoles und Stephanies – und wie gern wäre ich doch auch eine Michi, Nicki oder Steffi gewesen. Aber nein. Ich war Rebecca. Fertig. Keine Becky, keine Becca. Nichts dergleichen.
Wobei … Später nannte mich mal eine Weile „Ananas“, das lag aber an meiner zu dieser Zeit bevorzugten Frisur – und mehr möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht dazu sagen. Außer vielleicht: Ich hätte meinen Namen auf der Stelle gegen jeden anderen eingetauscht.
Und heute? Heute mag ich meinen Namen und seine ursprüngliche Bedeutung.
Mein Name stammt aus dem Hebräischen und steht für „die Verbindung Schaffende“, „die Fesselnde“ oder „die Bestrickende“ – ist das nicht schön? Bis zu dieser Erkenntnis war es aber ein weiter Weg …
Es gibt aktuell eine einzige Person, die sich einen Spitznamen für mich ausgedacht hat und diesen auch durchgängig nutzt. Ein Arbeitskollege – er darf das, in diesem Fall passt das. Ich fände es heute aber nicht einmal mehr schön, würde mich jeder anders nennen, als ich tatsächllich heiße.
Es gibt einen Unterschied
zwischen bekannt und erkannt.
Wer unseren Namen ausspricht, zeigt: Ich sehe dich. Zumindest ein Stück.
Und obwohl wir alle einen großen Teil unseres Lebens damit verbringen, Menschen kennenzulernen, wissen wir doch gleichzeitig, wie unvollständig dieses Kennenlernen oft bleibt.
Wir wissen um Berufe, Gewohnheiten, Lieblingsessen und Lebensläufe. Doch das eigentliche Innere eines Menschen bleibt uns oft verborgen. Selbst denen, die ihm nahestehen.
Viele unserer Freunde oder Bekannte kennen wir als Erwachsene. Aber wer waren sie mit zwölf? Wovor hatten sie Angst? Wovon haben sie geträumt? Welche Verluste tragen sie noch immer mit sich herum? Welche Hoffnungen? Welche Versionen ihrer selbst leben noch irgendwo in ihnen weiter?
Jeder Mensch ist größer als die Rolle, in der wir ihm begegnen. Größer als die Geschichte, die wir über ihn erzählen und größer als das Bild, das wir von ihm haben.
Vielleicht meinte mein Vater genau das.
Dass zwischen „Erich“ und „Hans-Erich“ mehr liegt als ein Vorname.
Dazwischen liegt ein ganzes Leben.
Der Junge, der er einmal war. Der Mann, der er wurde. Die Wege, die er gegangen ist. Die Fehler. Das Glück. Die Enttäuschungen. Die Träume. – Alles, was einen Menschen ausmacht.
Vermutlich werden wir einen anderen Menschen nie vollständig kennen. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich. Nicht einmal in einer langen Ehe, zwischen besten Freunden nicht und auch nicht zwischen Eltern und Kindern.
Jeder Mensch bleibt in gewisser Weise ein Geheimnis.
Ein Buch, das niemand vollständig lesen kann.
Wenn ich heute an den Satz meines Vaters denke, höre ich darin etwas anderes als früher. Nicht die Aufforderung, einen Namen vollständig auszusprechen. Sondern die Bitte, Menschen nicht auf ihre Kurzform zu reduzieren. Nicht auf das, was wir von ihnen sehen – denn das ist immer nur eine kleine Rolle in ihrem ganz persönlichen Lebensspiel. Nie der ganze Mensch.
Es ist ein Unterschied, ob ich Frau Sowieso bin, Rebecca, Becky, Beccs, Becca oder Ananas. Wie man uns nennt, sagt immer auch etwas darüber aus, wie unser Gegenüber zu uns steht, in welchem Licht er uns sieht.
Ich denke, so in der Art wird es auch mein Vater gemeint haben.
Nicht, dass ein vollständiger Name wichtiger wäre als ein Spitzname. Sondern dass hinter jedem Namen ein ganzer Mensch steckt. Mit Erinnerungen, Hoffnungen, Widersprüchen, Ängsten, Erfahrungen und Geschichten, die für Außenstehende oft unsichtbar bleiben.
Ein großer Teil von Liebe, Freundschaft und Menschlichkeit besteht vielleicht darin, sich das immer wieder bewusst zu machen.
Dass niemand nur die Kurzform seines Daseins ist.
Und dass jeder Mensch mehr in sich trägt, als wir auf den ersten Blick erkennen können.
Es wird uns vermutlich nie gelingen, einen Menschen ganz zu erfassen, aber vielleicht beginnt echtes Interesse ja in dem Wissen, dass hinter jedem Namen eine Geschichte wartet.



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