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Warum Hexen und Wölfe nur Statisten sind


Hast du als Kind Märchen vorgelesen bekommen?

Ich hoffe doch. – Ganz im Sinne Bruno Bettelheims, dessen Buch „Kinder brauchen Märchen“ davon erzählt, wie wichtig solche Geschichten für die kindliche Entwicklung sind.

Was mich selbst betrifft, kann ich das gar nicht mehr sicher sagen, ich habe jedenfalls keine Erinnerung daran. Ich weiß aber, dass ich schon vor der Schule lesen konnte (wie ich das so früh gelernt hatte, das weiß ich heute auch nicht mehr) und meine Nase immer in irgendeinem Buch gesteckt hat. Auch in Märchenbüchern.


Anfangs glaubt man vielleicht noch, was man da liest oder erzählt bekommt. Irgendwann begreift man dann aber ja doch, dass es weder Drachen noch sprechende Wölfe gibt – deshalb schmeißt man Märchenbücher in der Regel aber noch lange nicht zum Altpapier – weil: Ist ja alles gelogen!

Nein. Märchen überdauern die Zeit. Aber warum?

Es liest wohl niemand seinem Kind Rotkäppchen vor, damit es sich künftig nicht mehr in den Wald traut und vermutlich hat sich auch noch niemand ernsthaft Sorgen darüber gemacht, ob hinter der nächsten Wegesbiegung eventuell ein Lebkuchenhaus stehen könnte, das von einer alten Hexe bewohnt wird, die uns in den wohltemperierten Ofen sperren, durchbrutzeln und zum Abendessen verspeisen möchte.

Wäre die Lebensdauer eines Märchens von seiner Glaubwürdigkeit abhängig, es dürfte schon lange keine mehr geben. Es gibt sie aber nach wie vor und ich gehe mal fest davon aus, dass sich daran so bald auch nichts ändern wird.

Warum haben wir einen so guten Draht zu Fabelwesen oder freuen uns, wenn es einem Unhold so richtig an den Kragen geht? Wenn selbst sein Tod uns zufrieden lächeln lässt. – Darf man das denn? Ist ja nicht grade sehr nett …

Ich lehne mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich einfach mal behaupte, dass kein Mensch tatsächlich befürchtet, Rumpelstilzchen könne ihm sein Kind stehlen oder dass anstelle der Großmutter ein Wolf mit Spitzenhäubchen im Bett liegen könnte, die soeben verschlungene Oma in der dicken Wampe und mit uns auf der Dessertkarte.

Unsere Ängste sind sehr viel realer: Ein Gespräch mit dem Chef, das Ende einer Beziehung, eine lebensverkürzende Diagnose – eben Dinge, von denen wir wissen, dass sie rein theoretisch böse ausgehen und unser Leben nachhaltig negativ beeinflussen könnten.

Märchen handeln fast nie von dem, worüber sie auf den ersten Blick erzählen – und doch erkennen wir uns darin wieder.

Wir verirren uns nicht im dichten Fichtenwald fernab jeglicher Zivilisation – wir verirren uns in ganz anderen, eigenen Wäldern. In der Regel immer dann, wenn unser Leben aus den Fugen gerät, sei es nun durch eine Erkrankung, eine schlechte Nachricht oder den Tod eines nahestehenden Menschen. Uns bleibt aber nichts anderes übrig als weiterzugehen, selbst dann, wenn wir keine Ahnung haben, wie wir aus diesem Dickicht jemals wieder herausfinden sollen.

Märchen erwähnen solche Dinge nicht explizit – sie setzen stattdessen einfach Kinder im Wald aus, lassen Prinzessinnen 100 Jahre schlafen oder sperren Töchter armer Leute in hohe Türme.

Mit Drachen verhält es sich ähnlich. Mir ist auf dem Heimweg noch keiner begegnet und ich schätze mal, dir auch nicht – uns laufen dafür andere Ungeheuer über den Weg.

Sie tragen allerdings keine Mäntel aus Tierhäuten oder lodernden Flammen, sie kleiden sich in Gewänder der Angst, Schuld und Selbstzweifel. Das sieht nicht ganz so spektakulär aus, wie feuerspeiende Drachen, kann einem das Leben aber mindestens genauso gründlich vermiesen.


Und dann die Sache mit den Märchenhelden …

Welcher Held wollte denn schon aus eigenem Antrieb einer sein? – Mir fällt keiner ein.

Rotkäppchen wollte lediglich zur Großmutter, Hänsel und Gretel einfach nur nach Hause und Aschenputtel wäre wahrscheinlich schon zufrieden gewesen, wenn man es einfach in Ruhe gelassen hätte.

Kommt uns doch irgendwie bekannt vor, oder?

Die wenigsten von uns stehen morgens auf und denken: „Heute hätte ich mal so richtig Lust auf eine alles verändernde Lebenskrise.“ Wir geraten aber trotzdem manchmal in Situationen, die wir uns niemals ausgesucht hätten – das Leben fragt nicht, ob wir bereit dazu sind. Es stellt uns einfach vor die unterschiedlichsten Herausforderungen und schickt uns ins Abenteuer.

Und am Ende eines Märchens? – Da ist dann keiner mehr derselbe wie zu Beginn.

Der Frosch wird zum Prinzen, das unscheinbare Mädchen zur Königin, etc.

Märchenhafte Zauberei? – Nein. Das ist das Leben.

Auch wir sind nach bestimmten Erfahrungen oder am Ende eines Jahres nicht immer dieselbe Person, die wir zuvor waren – nur, dass der Grund dafür meist keine Prophezeiung ist, kein Kuss eines Königssohns und auch kein Goldschatz.

Unsere Veränderungen passieren sehr viel subtiler. Durch Erlebnisse, Verluste, Begegnungen und diverse Entscheidungen.


Sie hören nicht nur Geschichten von Hexen, Wölfen oder Feen. – Sie hören, dass Angst zum Leben gehört, dass man sich verirren kann und trotzdem nicht verloren ist, dass Hilfe manchmal aus einer Richtung kommt, aus der man sie niemals erwartet hätte und dass Mut keineswegs bedeutet, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst weiterzugehen.

Über unsere Hoffnungen, Zweifel und unsere Sehnsucht, irgendwann heil aus dem Wald herauszufinden. Genau deshalb überdauern sie jede Zeit – weil Märchen uns lehren, mit dem Leben und uns selbst zurechtzukommen.

Und weil sich Eltern für gewöhnlich genau das für ihr Kind wünschen, werden sie vermutlich auch weiterhin zu Märchenbüchern greifen – selbst dann, wenn ihnen die wahre Botschaft nicht einmal bewusst ist.

Vielleicht lesen wir Märchen deshalb nie nur unseren Kindern vor.


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Dein Echo auf diese Zeilen

2 Antworten zu „Warum Hexen und Wölfe nur Statisten sind“

  1. Avatar von pjotrsagt

    Vorlesen und vorgelesen bekommen ist sowieso eine wunderbare Tradition. Erzeugt eine Verbindung die durch keine App, kein Video, keinen Monitor ersetzbar ist.

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    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      Ja. Absolut. Wer seinen Kindern vorliest, gibt ihnen so viel mehr mit als nur Geschichten – und nicht nur ihnen … 🥹🙏

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