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Warum fühlen sich manche Menschen dem Tod seit der Kindheit seltsam nah?


Es gibt Kinder, die schon sehr früh über Dinge nachdenken, die Erwachsene irritieren.

Nicht nur über Monster unter dem Bett oder die Angst vor der Dunkelheit, sondern über Vergänglichkeit, den Tod und das Verschwinden von Menschen.

Sie fragen plötzlich, ob Mama und Papa irgendwann sterben müssen. Sie liegen nachts wach und versuchen sich vorzustellen, wie es wäre, nicht mehr zu existieren. Manche erleben bereits als Kinder eine eigentümliche Nähe zu Traurigkeit oder Endlichkeit, die sie selbst kaum erklären können.

Oft reagieren Erwachsene darauf verunsichert. Vielleicht, weil Kinder in unserer Vorstellung für Anfang stehen – für Zukunft, Leichtigkeit und Leben. Wenn ein Kind plötzlich Fragen über den Tod stellt, wirkt das beinahe wie eine Störung der natürlichen Ordnung.

Dabei ist es möglicherweise weniger ungewöhnlich, als viele glauben.


Sie nehmen sehr viel mehr wahr, als manch Erwachsener, wirken „durchlässiger“. Sie spüren früher, dass Menschen verschwinden können, dass Erwachsene nicht allmächtig sind, dass Sicherheit brüchig werden kann und dass vieles, was selbstverständlich wirkt, es in Wahrheit nicht ist.

Diese frühe Nähe zum Ende aller vertrauten Dinge muss nicht mit einer wirklichen Todeserfahrung zusammenhängen – häufig aber mit etwas sehr Ähnlichem: mit Verlust.

Um ein tiefes Gefühl von Vergänglichkeit zu entwickeln, reicht manchmal emotionale Unsicherheit völlig aus. Ein Elternteil, das emotional nicht erreichbar ist, häufiger Streit, Krankheit, Instabilität. Das frühe Gefühl, dass etwas Wichtiges plötzlich nicht mehr da sein könnte.


Bindungsforscher beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie sehr Sicherheit das Lebensgefühl eines Kindes prägt. Kinder brauchen nicht nur Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf, sie brauchen das Gefühl, dass die Welt sie trägt. Dass sie sich auf etwas verlassen können.

Wird diese Sicherheit gestört, entwickeln manche Kinder besonders feine Antennen für alles, was Verlust bedeuten könnte. Vielleicht fühlen sich manche Kinder dem Tod deshalb schon früh nah, weil sie auf emotionaler Ebene in einem sehr jungen Alter erfahren haben, dass die Welt, wie sie sie kennen, sich jederzeit verändern oder gar verschwinden kann.


Das muss aber nicht sein.

Sie beobachten intensiver, denken tiefer nach und nehmen Stimmungen stärker wahr. Während andere Kinder spielen, fragen sie sich plötzlich, wie es Kindern am anderen Ende der Welt wohl gerade geht, weshalb Tiere sterben oder warum wir überhaupt hier sind, wenn wir ja doch wieder gehen müssen.


Kinder erleben die Welt anders als Erwachsene. Für sie ist vieles neu und rätselhaft. Dass Zeit vergeht, Menschen sich verändern, Beziehungen zerbrechen können. Erwachsene haben gelernt, mit diesen Widersprüchen zu leben, für Kinder sind solche Erfahrungen häufig eine Erschütterung ihrer Vorstellung einer „heilen Welt“.

Manche erschreckt diese Erkenntnis so sehr, dass sie sich tief in sie einbrennt und nie wieder loslässt.


Später, als Erwachsene, berichten diese Kinder oft von einem schon immer empfundenen Gefühl des Andersseins. Vielleicht haben sie ihre Fragen und Gedanken anfangs noch geäußert – als sie noch nicht wussten, dass ein Kind „an so etwas doch nicht denken darf“ – doch genau das hat man ihnen vermittelt, wodurch sie häufig ein Gefühl der Scham für ihr eigenes Sein entwickelt und ihre Gedanken immer häufiger mit niemandem mehr geteilt haben.


Nein, nicht jede frühe Beschäftigung mit dem Tod ist ein Hinweis auf Lebensmüdigkeit oder Depressionen, diese Möglichkeit ist aber nicht auszuschließen –

weshalb Äußerungen, die Schwermut oder gar Suizidalität vermuten lassen könnten, niemals leichfertig abgetan werden dürfen!

Erwachsen zu sein bedeutet leider häufig auch:
Ich weiß nicht mehr, wie es ist, ein Kind zu sein.


Kinder, die früh begreifen, dass Leben zerbrechlich ist, entwickeln später oftmals „besondere Fähigkeiten“.

Sie beobachten genauer, spüren Stimmungen intensiver, interessieren sich für Psychologie, Kunst, Spiritualität oder die Geschichten anderer Menschen. Sie suchen dort nach Bedeutung, wo andere achtlos vorbeigehen.

Natürlich hat diese Sensibilität auch ihren Preis.

Wer bereits als junger Mensch um die Zerbrechlichkeit des Lebens weiß, erlebt oft auch eine größere Angst vor Verlust, Einsamkeit oder Vergänglichkeit. Das führt häufig zu einer ambivalenten Wahrnehmung des Lebens.

Einerseits liegt über allen Dingen ein diffuser Schatten – andererseits sieht man in gewisser Weise auch klarer. Denn letztlich ist es eine universelle Wahrheit, die uns alle betrifft:

Das muss nicht zu Hoffnungslosigkeit oder Lebensunmut führen. Im Gegenteil.

Manche Menschen beginnen gerade deshalb, die kleinen Dinge intensiver wahrzunehmen. Nähe. Zeit. Ehrlichkeit. Berührungen. Einen Spaziergang. Ein Gespräch. Einen gewöhnlichen Nachmittag mit einem geliebten Menschen.

Die frühe Begegnung mit Verlust und Vergänglichkeit macht nicht einfach nur verletzlicher, manchmal macht sie auch wacher.

Das nimmt den Schmerz nicht – schenkt aber womöglich einen offeneren Blick dafür, wie kostbar das Leben ist.

Kinder, die sich dem Tod schon früh seltsam nah fühlen, sind nicht zwingend „krank“ oder „übertrieben sensibel“. Vielleicht ist ihnen einfach nur sehr deutlich bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist. Und das, so scheint mir, ist eine Erkenntnis, die manchem Erwachsenen womöglich dabei helfen könnte, sich „sein Leben zu nehmen“ und es auf eine Weise zu leben, die ihn am Ende zurückblicken und sagen lässt:

Ja. Das war mein Leben.

Und es war gut so.



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