Welche veraltete Technik vermisst du am meisten – und warum?
Hhm – die heutige WordPress-Schreibanregung bringt eine gewisse Nostalgie mit sich …
Ich bin Jahrgang 1975.
Während meiner Kindheit und Jugend war an das Internet noch nicht zu denken und ich habe mich schon oft gefragt, wie anders mein Leben wohl verlaufen wäre, hätte ich damals die Möglichkeit gehabt, innerhalb von Sekunden sämtliche Informationen der Welt oder Erfahrungen anderer nachlesen zu können.
Ich bilde mir dann immer ein, dass vieles einfacher gewesen wäre. Es gibt aber auch allerhand Dinge, die nach und nach von der Bildfläche verschwunden sind und um die es doch auch schade ist.
Den Kassettenrekorder
Nicht wegen der Klangqualität, die war definitiv schlechter. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich freitags vorm Radio saß, der Hitparade des Bayerischen Rundfunks gelauscht habe (moderiert von Thomas Gottschalk!) und einzelne Songs auf Kassette aufgenommen habe.
Mit dem Finger über der Aufnahmetaste hockte man dann da und hat inständig gehofft, er möge doch bitte, bitte, bitte nicht kurz vorm Ende in den Song reinquatschen. Jede auf diese Weise entstandene Musikkassette war ein Unikat und ein eigenes Mixtape ein kleines Heiligtum.
Und dann erst der BLEISTIFT! Er war das wichtigste Präzisionswerkzeug überhaupt und wer damit noch nie den Bandsalat einer Kassette aufgewickelt hat, der weiß nicht, wie viel Hoffnung in einem Bleistift stecken kann. – Und ganz nebenbei hat man gelernt, dass nicht alles, was sich verheddert hat, verloren ist …
Und heute? Heute lassen wir uns von ellenlangen vorgefertigten Playlists berieseln und was uns nicht innerhalb der ersten drei Sekunden überzeugt, wird geskippt. Die verfügbare Masse hat uns doch auch ein bisschen gleichgültiger werden lassen. Irgendwas wird schon dabei sein …
Die Videothek
Ja, ich nutze Netflix & Co., aber wie aufregend war es doch, als ich meinen ersten Videofilm in Händen hielt (übrigens DIRTY DANCING!!!!). Da eröffnete sich plötzlich eine völlig neue Welt und jeder Film war noch etwas Besonderes.
Filmabende begannen nicht mit „Was gucken wir denn heute?“ – „Keine Ahnung, lass mal bisschen rumzappen“, sie begannen mit gespannter Vorfreude, dem Kauf von Chips oder Popcorn – und dem Stoßgebet, es möge bitte niemand schneller gewesen sein und das Objekt der Begierde bereits ausgeliehen haben.
Den Festnetzanschluss
Es gibt ihn zwar noch, aber ich nutze ihn schon lange nicht mehr – außer auf der Arbeit.
Ich seh unseres noch vor mir. Grün war`s. Das gekringelte Kabel war sowas wie die Nabelschnur, die einen mit der Welt verband und man hatte die Nummern sämtlicher Klassenkameraden im Kopf.
Rief man irgendwo an, wusste man nie, wer abhebt und so lernte man auch mal die Schwester, den Bruder oder irgendwelche anderen Familienmitglieder kennen.
Telefoniert wurde grundsätzlich im Flur und gesegnet waren die, die bei Telefonaten nicht auf jede Minute achten mussten – hat ja schließlich Geld gekostet. Anrufe hatten im wahrsten Sinne des Wortes noch Wert.
Den Fotoapparat mit Film
Ja, ich weiß. Gibts auch noch, könnte ich noch nutzen – tu ich aber nicht. Ist ja auch schön, jede x-beliebige Sekunde des Lebens festhalten zu können … Aber wenn ich zurückdenke, wie genau man damals überlegt hat, ob man jetzt tatsächlich auf den Auslöser drückt oder nicht, dann finde ich es doch sehr schade, dass die meisten von uns da so völlig von abgekommen sind – mich selbst eingeschlossen.
12 Bilder. 24. 36 maximal. Wochen später hielt man plötzlich einen ganzen Sommer in der Hand – einzelne Erinnerungen, die Bedeutung hatten und keine 3867 digitalen Belanglosigkeiten, die man erst dann wieder anschaut, wenn der Speicher des Handys aus allen Nähten platzt und man sich durch seine Fotogalerie scrollt um unnötigen Ballast zu löschen.
Das Klingeln an der Tür
Man spazierte zu Freunden – nicht wissend, ob sie zu Hause waren – und klingelte einfach. Kurz drauf erklang dann ein „Jaaa?“ aus der Sprechanlage und man rief: „Ich bin`s!“ – Und der andere wusste in der Regel sogar, wer „ich“ war.
Damals gehörte das Ungeplante zum Alltag. Man zog los, klingelte, und entweder hatte der andere Zeit oder eben nicht. Man war nicht beleidigt, wenn niemand öffnete sondern fuhr einfach weiter zum nächsten. Niemand wusste ständig, wo alle waren und genau deshalb fühlte sich jedes Treffen ein kleines bisschen wie ein Glücksmoment an.
Heute checken wir erst mal per WhatsApp ob der Weg sich lohnt und kaum eine Begegnung ist noch eine Überraschung.
Sicher gibt`s noch allerhand mehr, aber das sind mal so die Dinge, die mir spontan einfallen.
Nein. Ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen.
Ich genieße vieles von dem, was heute möglich ist:
- Dass ich Menschen in Sekunden erreichen kann.
- Dass Wissen nur einen Fingertipp entfernt liegt.
- Dass Musik, Bücher und Filme mich überallhin begleiten.
- Dass das Leben in vielerlei Hinsicht einfacher geworden ist.
Und trotzdem erwische ich mich manchmal bei der Frage, welchen Preis wir für all diese Bequemlichkeit bezahlen.
Wir haben uns an Schnelligkeit gewöhnt und Geduld ist zu einer Tugend geworden, die man sehr viel aktiver lernen muss. Früher gehörte sie noch ganz selbstverständlich zum Alltag.
- Während die Kassette zurückspulte.
- Während Fotos entwickelt wurden.
- Während ein Brief unterwegs war.
- Während man nicht wusste, wann jemand zurückruft.
Als die Technik noch langsamer war, hatte in gewisser Weise auch das Leben noch mehr Zeit.
Vielleicht vermisse ich deshalb auch gar nicht die aus der Mode gekommene Technik – vielleicht sind es eher diese kleinen Auszeiten, die zwangsläufig entstanden, während man auf etwas warten musste.
Gute alte Zeit?
Nicht in jeglicher Hinsicht.
Aber in dieser irgendwie doch.
Hab ein schönes Wochenende.


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