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Engelwärts


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Wir haben so vieles gemeinsam erlebt,
zusammen gesungen, geweint und gelacht.
Du hast mir Geschichten von früher erzählt,
den Kindern, dem Krieg –
sogar von mancher Liebesnacht.

Damals warst du Schneiderin,
hast dich für Bräute ins Zeug gelegt,
machtest Mägde zur Königin,
hast aus Seide und Taft schönste Tage genäht.

Auch deine Optik war dir stets wichtig,
gepflegte Hände, gewelltes Haar –
doch all das ist jetzt null und nichtig,
will nichts mehr so ist, wie es früher mal war.

Aus Seide wurden Zellstofftücher,
die du unermüdlich zusammenlegst,
blickst stumm auf die Seiten vergilbter Bücher,
deren Inhalt du leider nicht mehr verstehst.

Erfindest unbekannte Worte,
weißt nicht mehr, wie man Besteck benutzt,
springst durch die Zeiten, an verschiedenste Orte,
die Erinnerung brüchig, der Geist abgenutzt.

Ich entscheide, was du anziehst,
putz dir die Zähne, bring dich ins Bett,
in lichten Momenten kann’s sein,
dass du mich ansiehst und sagst:
“Ach Kind, wenn ich dich nicht hätt …”

Oft denk ich daran, dass ich bin, wie du warst
und Angst hab, zu werden, wie du heute bist;
und alles, was früher mir wichtig war,
in zähem Nebel versunken ist.

Doch dir ist’s egal, die Zeit ist ein Dieb,
sie raubt deinen Körper, greift sich dein Herz.
Deine müden Augen werden langsam trüb,
dein Blick geht sachte engelwärts.

Wir haben so vieles gemeinsam erlebt,
zusammen gesungen, geweint und gelacht.

Ich halt deine Hand,
bis dein Herz nicht mehr schlägt,
du ein letztes Mal einschläfst,
zur ewigen Nacht.



Dein Echo auf diese Zeilen

2 Antworten zu „Engelwärts“

  1. Avatar von
    Anonymous

    Hallo, Rebecca, ich hatte dir schon mal als „JimKnopf“ geschrieben und bin gerde auf deiner Seite gelandet. Dein Text klingt sehr berührend und passt irgendwie zu einem Gedicht von mir, das ich dir mal ganz spontan hier ranhänge, falls das von den Zeilen her geht.

    Neben meinem Studium habe ich in der Altenpflege gearbeitet und war immer ganz berührt davon, wenn ich im Zimmer einer alten Dame Fotos aus ihrer Jugendzeit gesehen habe. Das hatte mich immer etwas wehmütig gemacht und gleichzeitig auch poetisch inspiriert. Es hat aber einige Jahre gedauert, ehe ich daraus ein Gedicht gemacht habe. Die ersten beiden Zeilen waren sofort in meinem Kopf, wobei ich anfangs dachte, dass ich die 2. Zeile in dieser Länge niemals in ein Gedicht einbauen könnte. Aber es klingt irgendwie trotzdem harmonisch für mich.

    Frau am Fenster

    Wem warst du Blume – und wem Untergang ?
    Auf wessen pochendes Herz fiel dein langsam sich lösendes
    nachtschwarzes Haar ?

    Wem war dein Name Gesang ?
    – und wer begriff nicht: es war
    nicht mehr sein Leben, das strömte,
    nicht mehr sein Atem, der floß.

    Mit einem Lächeln verwöhnte,
    mit einem Schweigen genoß
    dein weicher Mund den verliebten Gespielen,
    bis er wie Asche im Nachtwind zerstob.

    – wer dich erhob ?
    Endlich trat einer hervor aus den Vielen,
    nahm deinen Leib, deinen Mund und verwob
    all seine Kraft und sein leisestes Singen
    mit deinem Sehnen nach köstlichen Dingen,
    war dir die Welt und beließ dich bei dir.

    Nun bist du alt:
    ein verlöschendes Licht hinter milchtrübem Glas.
    Deine zarte Gestalt
    malt noch die Frau, die sich selbst lang vergaß,
    in verzögerter Pose nach, weich und geheim.

    Und dein Leben verrinnt,
    langsam sich lösend
    vom endlichen Jetzt,
    weit in die Nacht hinaus, müde und frei.

    Liebe Grüße von Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      Hallo Stefan, schönen guten Morgen! ☕️

      Jim Knopf … Das war auf YouTube, richtig? – Schön, dass du hergefunden hast! 🤗

      Was du von deinen Erfahrungen aus der Altenpflege berichtest, finde ich unheimlich schön, solche Erfahrungen sollte jeder mal machen – das kann die eigene Perspektive in eine völlig andere Richtung lenken und Werte definieren sich plötzlich ganz neu.

      Ich habe ja eine Weile in der Hospizbegleitung gearbeitet und das hat meine Sicht aufs Leben enorm beeinflusst – zum Positiven. Die Hemmschwelle ist hier halt leider recht hoch. Schade eigentlich. Niemand von uns kommt dauerhaft um diese Thematik drumrum …

      Ich danke dir für Teilen deines Gedichts. Man merkt, dass diese Zeit und die Begebungen dich berührt und etwas „mit dir gemacht“ haben.

      Alte und/oder sterbenden Menschen wissen es in der Regel nicht, aber sie sind ein echtes Geschenk für uns – man muss sich nur trauen, sich auf sie und ihre Geschichten einzulassen …

      Danke nochmal für deine Worte und Gedanken – hab einen zufriedenen Tag und liebe Grüße von mir zu dir!

      Rebecca 🙋🏻‍♀️

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