… weil das Jetzt auf ewig ein Jetzt bleibt

Täglicher Schreibanreiz
Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Als ich diese Schreibanregung heute früh gelesen habe, wusste ich direkt, dass ich dazu nichts schreiben würde – aber wie so oft, kam es dann doch anders … Nun denn. 🙂


Wo ich mich sehe – in zehn Jahren

Manchmal, wenn der Wind still steht und der Tag sich langsam zwischen Müdigkeit und Erinnerung auflöst, frage ich mich, was die Zukunft wohl noch für mich bereithalten mag. Nächste Woche, nächstes Jahr, in fünf, zehn oder dreißig Jahren.

Vielleicht bin ich in zehn Jahren schon gar nicht mehr hier.
Vielleicht hat mein Herz beschlossen, dass es genug geschlagen hat.

Vielleicht ist mein Name nur noch auf diesem einen Buchrücken im Regal zu finden, in meinen handschriftlichen Notizen, in Erinnerungen weniger Köpfe, die flüchtiger werden mit jedem Jahr.

Vielleicht hat das Leben bis dahin Wege eingeschlagen, die dunkler waren als das, was ich mir gewünscht hätte.

Vielleicht hat sich mein Körper verändert,
die Kraft verabschiedet,
die Hoffnung einen unüberwindbaren Riss bekommen.


Aber vielleicht war ich in diesen Jahren auch enorm kreativ, habe etliche Bücher mehr geschrieben, singe vielleicht auch wieder regelmäßig, male Bilder oder besuche Yoga-Kurse an den abgelegensten Winkeln dieser Erde.

Vielleicht sitze ich an einem verregneten Julitag mit meiner Enkelin auf der Couch und beantworte Teenie-Fragen. Vielleicht kreischen wir gemeinsam in der Achterbahn, und das Echo unseres Lachens bleibt zwischen den Wolken hängen.

Vielleicht bin ich glücklich verheiratet,
unglücklich, geschieden oder verwitwet.

Vielleicht liegt mein Hund – grau geworden, aber nicht weniger treu – noch immer neben mir, sein Blick ein stilles Versprechen, dass Nähe keine Frage von Zeit ist.

Vielleicht ist es so.
Vielleicht ist es anders.
Vielleicht ist es besser, schlimmer,
tiefer, heller, ruhiger, lauter.

Ich weiß es nicht.

Leben geschieht nicht in der Ferne,
nicht in Dekaden, nicht in Kalendern.
Es geschieht immer nur jetzt.

Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.
Jetzt, während du sie liest.
Jetzt, wo ein Atemzug genügt, um zu spüren, dass ich bin.
Dass du bist.

Und dass genau das genug ist.

Es ist nicht wichtig, ob ich noch fünf Jahre habe oder zehn oder dreißig.
Wichtig ist nur, dass ich heute gelebt habe.
Dass ich heute gefühlt, gehofft, geliebt habe.

Die Zukunft mag kommen.
Oder auch nicht.

Aber dieser Moment –
dieser winzige, leuchtende Jetztpunkt –
er ist das Einzige, was ich wirklich besitze.

Und ist er nicht so viel schöner,
als ich es vor zehn Jahren erwartet hätte?


Rebecca | Schreibtrunken


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5 Antworten zu „… weil das Jetzt auf ewig ein Jetzt bleibt“

  1. Avatar von Petra Kolossa

    Deine Zeilen zu lesen habe ich genossen. Sie sind wunderbar geschrieben und eine wirkliche Bereicherung.
    Habe einen fantastischen Sonntagabend, liebe Rebecca.

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    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      🥹 Das sind so, so wunderschöne Worte! Ganz lieben Dank dafür – freu mich sehr! 🙏 Hab auch du noch einen gemütlichen Abend und später eine angenehme Nachtruhe! 🍀✨✨✨

      Gefällt 1 Person

  2. Avatar von Gisela

    Eindrucksvolle Gedanken, wunderbar beschrieben!
    Ich habe darüber nachgedacht, wie meine Zukunft wohl aussehen mag. Ab einem gewissen Alter kennt man die Antwort. Da macht man keine Pläne mehr. Man ist bei denen, die bereits vorausgegangen sind, und es werden immer mehr, je älter man ist.
    Du schreibst: „Wichtig ist nur, dass ich heute gelebt habe.“
    Ist das so? Ist das heutige Leben nicht ein Resultat der Vergangenheit? Ich finde, beides ist wichtig, denn man kann nur aus der Vergangenheit lernen. Die Zukunft lässt sich nur vage bestimmen. Frei werde ich sein, wenn ich diesen Körper verlassen darf.
    Danke für Deinen Beitrag, liebe Rebecca. der mich zum Nachdenken inspiriert hat. 💚liche Grüße, Gisela

    Gefällt 1 Person

    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      Guten Morgen, liebe Gisela und ganz herzlichen Dank fürs Teilen deiner Gedanken! 🙏😌

      Ich stimme dir zu. Unsere Handlungen, unser Charakter, all unser Sein wird bestimmt durch unser Gestern. Unsere Erfahrungen. – Aber als wir sie gelebt haben, waren sie noch kein „Gestern“, da waren sie ja auch ein aktueller Moment, ein „Jetzt“ – das meinte ich letztlich nur, als ich von „wichtig ist nur, dass ich heute gelebt habe“ geschrieben habe. 🙂

      Verstehe aber, was du meinst und bin da auch ziemlich bei dir.

      Was das Alter angeht … Ich habe Hundertjährige gehen gesehen, ich habe Jugendliche gehen gesehen. Ich denke, wir alle haben eine sehr fragwürdige Zukunft über die man sich entweder zu KEINER Zeit Gedanken machen braucht oder eben zu JEDER – ganz gleich, wie weit man auf der Leiter schon vorangeklettert ist. 🤷🏻‍♀️

      Es freut mich sehr, dass mein Text dich inspiriert hat und ich wünsche dir von Herzen, dass dir auf deinem Weg noch allerhand Erfreuliches begegnet – ganz ungeplant. 😉

      Liebe Grüße und einen schönen Mittwoch dir, liebe Gisela! 🍀💐

      Rebecca

      Gefällt 1 Person

  3. Avatar von Zwischen zwei Zeiten – Schreibtrunken.de

    […] fällt mir gerade dieser Artikel hier ein, da hatte ich schon mal über eine ähnliche Thematik geschrieben – weniger […]

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