Schreibtrunken.de


Die Sache mit den Notizbüchern


Es beginnt immer gleich.

Ein Autor steht in einer Buchhandlung. Eigentlich braucht er nichts – schon gar keine Notizbücher. Zu Hause liegen bereits unzählige herum, die genaue Anzahl ist nur zu erahnen, da sie im ganzen Haus verteilt sind.

Einige sind leer, andere enthalten drei beschriftetet Seiten, wieder andere bestehen aus Diagrammen, Listen und Strichmännchengekritzel. Der Großteil jedoch liegt unberührt in diversen Fächern, Kisten und Schubladen und wartet darauf, die Neuschreibung der Weltgeschichte in sich festhalten zu dürfen. – Und trotzdem passiert es.

Beim ziellosen Umherschauen fällt der Blick auf ein Notizbuch. Schöner Einband, angenehmes Papier. Vielleicht sogar ein Lesebändchen. Jeder Schreibende unter der Sonne reagiert in einem solchen Fall nahezu identisch. Er weiß genau: Dieses hier ist etwas ganz Besonderes!

Dieses Notizbuch wird das Notizbuch. Das Notizbuch für große Ideen. Für Romane. Für Geistesblitze. Für Meisterwerke. Für Literaturgeschichte, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Der Autor kauft es. – Natürlich kauft er es.

Zu Hause wird das neue Notizbuch ehrfürchtig aufgeschlagen. Auf Seite eins schreibt er: „Ideen für zukünftige Projekte.“ Darunter folgt: „Vielleicht ein Krimi mit einem hochsensiblen Bestatter, der panische Angst vor Friedhöfen hat?“

Fertig.
Das war’s.
Zumindest für die nächsten drei Jahre.

Irgendwann taucht das Notizbuch wieder auf. Man liest den Eintrag und fragt sich: „Warum ausgerechnet ein Bestatter?“ Keine Ahnung. Damals schien das wichtig gewesen zu sein.


Sie sammeln sie wie Eichhörnchen Nüsse. Nur deutlich unstrukturierter. In jedem steckt irgendetwas. Eine Idee. Ein Satz. Eine Figur. Ein Dialogfetzen. Ein Romananfang. Oder lediglich die kryptische Notiz: „Katze mit Augenklappe!!!“ Drei Ausrufezeichen. Offenbar war das eine sensationelle Idee. Irgendwan mal. Heute weiß niemand mehr, warum.

Das eigentliche Problem beginnt allerdings erst, wenn man versucht, Ordnung in die Sache zu bringen. Denn Autoren besitzen selten nur ein Notizbuch. Stattdessen gibt es das große Notizbuch, das kleine Notizbuch, das Notizbuch für unterwegs, das Notizbuch für Romanideen, das Notizbuch für Figuren, das Notizbuch, das man eigentlich vergessen hatte, und selbstverständlich die Notizen-App auf dem Handy. Dazu kommen lose Zettel, Servietten, Einkaufslisten, Sprachaufnahmen und Textdateien mit Namen wie „Romanidee_neu_final_wirklich_final_3“.

Irgendwann liegt dieselbe Idee gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten – wenn man sie braucht, findet man sie aber dennoch nicht.


Besonders gefährlich wird es bei nächtlichen Einfällen. Jeder Autor kennt das. Mitten in der Nacht kommt sie plötzlich: die perfekte Idee. Die Lösung für einfach alles. Im Halbschlaf greift man nach einem Notizbuch, kritzelt hastig ein paar Worte hinein und schläft mit dem beruhigenden Gefühl wieder ein, ein literarisches Meisterwerk vor dem frühzeitigen Tod gerettet zu haben.

Am nächsten Morgen liest man:

„Der Gärtner hat den Mond verpasst.“

Oder:

„Hund = Nachbar?“

Oder:

„Es lag an den Kartoffeln!“

Man weiß nicht, was gemeint ist und wird es auch niemals erfahren. Die Idee ist für immer verloren.


Dabei erfüllen Notizbücher eigentlich einen wichtigen Zweck:
Sie nehmen unserem Gehirn Arbeit ab.

Da Papier zwar geduldig ist, aber auch Feuer, Kaffee oder mysteriösem Abhandenkommen zum Opfer fallen kann, neigen Autoren dazu, ihre Ideen und Geschichten in ihrem Kopf mit sich herumzutragen: Figuren, Handlungsstränge, Dialoge, Schauplätze, Wendungen und natürlich diese eine geniale Idee, die man ganz bestimmt nicht vergessen wird.

Spoiler: Man vergisst sie.Immer.

Das Gehirn ist hervorragend darin, Ideen zu produzieren. Es ist nur leider deutlich schlechter darin, sie zu archivieren. Deshalb sind Notizbücher so nützlich. Nicht weil jede Idee Gold wert wäre – die meisten sind es nicht –, sondern weil man nie weiß, welche später plötzlich mal wichtig wird.


Der eigentliche Witz ist allerdings ein anderer. Die meisten Autoren kaufen Notizbücher nicht, weil sie eines brauchen. Sie kaufen sie wegen eines unausgesprochenen Versprechens.

Ein leeres Notizbuch fühlt sich an wie ein Neuanfang. Wie eine Möglichkeit. Wie ein Roman, der noch alles werden kann. Eine Lyriksammlung, die Reich-Ranicki in den Himmel hätte mitnehmen wollen! Genau deshalb sind sie auch so gefährlich. Irgendwann besitzt man in der Regel mehrere Stapel der schönsten Notizbücher – und noch immer dasselbe unfertige Buchprojekt.

Wenn du also das nächste Mal in einer Buchhandlung stehst und ein wunderschönes Notizbuch entdeckst, das dein kreatives Leben für immer verändern wird, dann kauf es ruhig.

Vielleicht wird daraus kein Meisterwerk oder enthält am Ende nur einen halben Romananfang, drei seltsame Dialogfetzen und die Notiz:

„Vielleicht ein Krimi mit einem hochsensiblen Bestatter, der panische Angst vor Friedhöfen hat?“

Aber wer weiß …

Vielleicht wartet genau zwischen all den wirren Gedanken, halbfertigen Ideen und vergessenen Einfällen auch jener Satz, aus dem irgendwann eine Geschichte entsteht.

Und wenn nicht, dann sieht das Notizbuch wenigstens hervorragend im Regal aus.



nach oben


Dein Echo auf diese Zeilen


Schreibtrunken.de