Wir alle wissen, dass wir eines Tages sterben.
Doch wenn Menschen erfahren, dass ihr Leben in absehbarer – und viel zu früher – Zeit endet, wird ihnen das wahre Ausmaß menschlicher Sterblichkeit häufig zum ersten Mal wirklich bewusst.
Wer dem eigenen Tod wissentlich gegenübersteht, macht Erfahrungen, die er sich niemals hätte vorstellen können und nicht wenige verspüren plötzlich das Bedürfnis, ihrem ablaufenden Leben auf den letzten Metern noch schnell eine neue Richtung zu geben.
Doch nicht jeder findet Frieden. Nicht jeder wird weise. Und nicht jeder blickt gelassen auf sein Leben zurück.
Menschen bleiben Menschen.
Auch am Ende.
Sie haben Angst, Hoffnung und offene Fragen. Sie können wütend sein, traurig, dankbar – manchmal sogar alles zugleich. Jeder Weg ist individuell. Ein Schema F gibt es nicht.
Und doch gibt es etwas, das viele Sterbende gemeinsam haben.
Sie verlieren das Interesse an erstaunlich vielen Dingen: an Status, an Eitelkeiten, an Diskussionen darüber, wer recht hatte, und an einem Großteil dessen, was uns im Alltag so viel Energie kostet.
Nicht weil diese Dinge plötzlich bedeutungslos wären, sondern weil etwas anderes wichtiger wird.
Etwas, das die meiste Zeit direkt vor ihnen lag:
Menschen. Zeit.
Nähe. Liebe.
Ich bezweifle, dass ein Sterbender schon jemals etwas gesagt hat, wie: „Hätte ich doch nur mehr E-Mails beantwortet.“ Oder: „Hätte ich doch bloß häufiger die Küche geputzt.“
Was Menschen vermissen, ist oft erstaunlich schlicht.
Sie vermissen Menschen.
Gespräche. Berührungen. Verpasste Möglichkeiten. Sehr selten ist es das Spektakuläre, das sie am liebsten festhalten wollen – es ist das Vertraute. Das, was uns häufig so selbstverständlich erscheint.
Den Kaffee mit einem Freund. Das Lachen eines Kindes. Den Hund, der morgens ans Bett kommt und sein Frühstück einfordert. Den Partner, der neben ihnen einschläft.
Vielleicht ist das die erste Lehre, die Sterbende den Lebenden hinterlassem können:
Das Wichtigste wirkt oft gewöhnlich, solange es da ist.
Erst seine Abwesenheit macht seinen Wert sichtbar.
Eine weitere Lehre ist deutlich unbequemer.
Viele Sterbende erkennen, wie viel Zeit sie mit Warten verbracht haben.
Warten auf den richtigen Zeitpunkt. Auf mehr Geld. Auf mehr Sicherheit. Auf bessere Umstände. Auf was auch immer.
Und irgendwann stellen sie fest, dass das Leben fast unbemerkt an ihnen vorübergezogen ist – nicht später. An jedem einzelnen ihrer vergangenen Tage.
„Ich dachte,
ich hätte noch Zeit“.
Für mich einer der traurigsten Sätze überhaupt, denn wir denken ihn alle und er stimmt exakt so lange, bis er eben nicht mehr stimmt.
Menschen am Ende ihre Lebens machen uns ein weiteres Geschenk:
Sie erinnern uns daran, dass Verletzlichkeit kein Fehler ist.
Wer einen Menschen in seinen letzten Wochen begleitet hat, begegnet oft einer fast schon erschreckenden Form von Ehrlichkeit – einer, die in unserem Alltag selten geworden ist.
Menschen sprechen plötzlich über ihre Ängste, über Liebe, Schuld und Sehnsüchte, machmal sogar über Dinge, die sie jahrzehntelang verschwiegen haben.
Fast scheint es, als wäre es uns am Lebensende wichtig, dass man uns mit all unseren Facetten gekannt hat. Nicht nur in der Rolle, die wir angenommen haben, um möglichst unbeschadet durch dieses Leben zu kommen.
Angehörige Sterbender erfahren manchmal Dinge, die sie regelrecht erschüttern und nicht selten folgt darauf die Frage, warum sie davon nicht schon sehr viel eher erfahren haben.
Warum nicht früher?
Wenn wir ehrlich in uns hineinschauen, ist das eine Frage, die wir auch uns selbst stellen können. Warum sagen wir so selten:
Ich liebe dich.
Es tut mir leid.
Ich habe Angst.
Ich vermisse dich.
Danke, dass du da bist.
Die Sterbenden lehren uns nicht, wie man stirbt.
Sie erinnern uns daran, wie man miteinander spricht. Miteinander umgeht.
Und vielleicht sogar daran, wie man lebt.
Doch die wichtigste aller Lehren ist für mich eine andere.
Sie hat nichts mit Weisheit, Spiritualität oder großen Erkenntnissen zu tun. Sie lautet schlicht und ergreifend:
Du wirst dieses Leben vermissen.
Nicht jeden Tag. Nicht jeden Augenblick. Aber das große Ganze.
Selbst Menschen, die müde geworden und bereit sind, zu gehen, hängen oft noch an etwas oder an jemandem – selbst dann, wenn sie Frieden mit sich und der Welt geschlossen haben.
Ein Teil von ihnen würde am liebsten dableiben, bei diesem Menschen, bei ihrem Haustier, in ihrem Garten, dem Lieblingssessel oder an dieser einen so stillen Stelle unten am Fluss. Ein weiterer Frühling wäre schön. Ein weiteres Weihnachten auch – ein weiterer ganz gewöhnlicher Morgen.
Vielleicht ist das die schönste Lehre, die Sterbende den Lebenden hinterlassen können.
Dass dieses Leben, über das wir so oft schimpfen, das wir verändern wollen, optimieren und mit anderen vergleichen, am Ende offenbar wertvoller ist, als wir manchmal glauben.
Wäre es nicht schade, wenn wir diese Erkenntnis erst dann gewinnen würden, wenn wir selbst am Ende unseres Weges angekommen sind?
Vielleicht genügt es, sie uns von jenen, die bereits weiter voraus sind, gelegentlich auszuleihen.
Denn Sterbende lehren uns am Ende nicht, wie man loslässt.
Sie lehren uns vor allem, was es wert gewesen wäre, festzuhalten.
Und das sind meist keine großen Dinge.
Es sind die kleinen.
Die gewöhnlichen.
Die, die heute noch da sind.
Und die wir gerade deshalb so leicht übersehen.


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