Sie ist der Regen,
der sich nicht zu fallen traut.
Nur ein kleiner Regentropfen,
der ängstlich über den Rand seiner Wolke schaut.
Heimlich beobachtet sie andere Tropfen,
wie sie lachend zur Erde jagen.
Doch was, wenn auch sie vom Himmel fiele –
wohin würde der Wind sie wohl tragen?
Würde sie hart auf den Boden prallen?
Zerspringen und vergehen?
Oder vielleicht sofort versickern,
ohne die Welt je zu sehen?
Manchmal träumt sie im Stillen davon,
sie könnte ihre Angst überwinden.
Einfach dem Beispiel der anderen folgen:
loslassen, fallen – ihre Bestimmung finden.
Doch was machte es für einen Unterschied,
ob sie nun fiele oder nicht?
Sie war nur ein einzelner, kleiner Tropfen
und würde sie fallen, dann nicht ins Gewicht.
Aber dann, eines nachts, als sie wieder einmal
auf dem Rand ihrer Wolke saß,
tauchte der Mond plötzlich neben ihr auf
und es schien, als ob er ihre Gedanken las.
„Ich weiß du fühlst dich zu unbedeutend,
um der Welt einen Nutzen zu bringen.
Deshalb bleibst du auch lieber hier oben sitzen,
anstatt in die Tiefe zu springen.
Doch anderen geht es genauso wie dir –
denk nur einmal an den Schneekristall.
Alleine kann er nicht viel bewirken,
doch halten alle zusammen,
bringen sie Bäume zu Fall.
Und wenn der Schnee geschmolzen ist,
dann ist er nicht etwa verloren.
Die Sonne trägt ihn zu den Wolken zurück –
und als Regentropfen wird er wiedergeboren.“
Der Mond hatte nicht ganz zu Ende gesprochen,
da machte sie schon große Augen.
„Du meinst, ich bin ein Schneekristall?!“
Sie konnte es kaum glauben.
„Ja, das bist du“, sagte der Mond.
„Das und so viel mehr.
Du bist in alledem, was lebt.
Den Menschen, den Tieren,
den Pflanzen, dem Meer.“
Bei diesen Worten erwachte ihr Stolz,
sie wuchs weit über sich hinaus.
Sie wurde schwerer und schwerer und plötzlich
fiel sie aus ihrer Wolke heraus.
Zwar fühlte ihr Fall sich fremd für sie an,
doch spürte sie keinerlei Angst.
Sie hörte den Mond, wie er lachend rief:
„Ich wusste doch, dass du das kannst!“
Seither ist sie viele Male gefallen.
Allerhand Abenteuer hat sie erlebt.
Sie tränkte Tiere, badete Kinder,
auf die Haut der Menschen hat sie sich gelegt.
Dass sie zu alldem fähig wäre,
das hätte sie niemals gedacht.
Doch dank des Mondes weiß sie heute:
Leben findet nicht auf einer Wolke statt.
Viel zu lange hat sie gezweifelt.
Viel zu wenig an sich geglaubt.
Doch endlich ist sie sie selbst geworden –
Regen, der sich zu fallen traut.



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