Ernest Hemingway hatte eine Angewohnheit, die auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet – besonders für einen Schriftsteller.
Wenn das Schreiben gerade besonders gut lief, hörte er auf. Nicht nach einem besonders gelungenen Absatz, nicht nach einem Kapitel – sofort. Mitten in einer Szene. Manchmal sogar mitten in einem Satz.
Wer selbst schreibt, dürfte an dieser Stelle ungläubig den Kopf schütteln. Sollte man nicht genau das Gegenteil erwarten?
Welcher Schreibende träumt nicht davon?
Man sitzt tagelang vor dem Manuskript, schiebt Sätze hin und her, zweifelt an allem und fragt sich gelegentlich, ob man nicht vielleicht doch lieber Tischler oder Briefmarkensammler hätte werden sollen.
Und dann passiert es plötzlich.
Die Worte sprudeln nur so vor sich hin, Figuren tun, was sie tun sollen und die Handlung kommt voran – die Geschichte schreibt sich nahezu von selbst. „Jetzt bloß nicht aufhören!“, denkt man und hämmert aufgeregt in die Tasten, weiß man doch nie, wie lange dieser erhebende Moment andauern wird.
Nicht so Hemingway.
Genau an diesem Punkt stand er auf und ließ das Schreiben sein.
„Wieso nur, um alles in der Welt?“
Die Antwort ist so einfach wie überraschend:
Weil er seinem zukünftigen Ich einen Gefallen tun wollte.
Aber erst mal zurück zu uns Otto-Normalschreibern, die so lange schreiben, bis das Hirn Feierabend macht und anschließend mit dem guten Gefühl ins Bett gehen, heute „richtig was geschafft“ zu haben.
Dann bricht der nächste Tag an, man setzt sich an den Schreibtisch und plötzlich scheint alles verschwunden zu sein. Die Ideen wirken albern, die Dialoge holpern, die Gedanken fließen zäh wie eingetrockneter Honig. Wo ist er nur hin, der Schwung, den man noch gestern so deutlich gespürt hat?
Genau das versuchte Hemingway zu vermeiden.
Wenn er am Vorabend aufhörte, obwohl er genau wusste, wie die nächste Szene aussehen würde, wartete am nächsten Morgen keine Leere auf ihn, sondern eine offene Tür. Er musste nicht überlegen, wie es weitergeht. Er wusste es ja bereits – er musste lediglich weiterschreiben.
Er selbst hat diese Art des Schreibens als beste Möglichkeit bezeichnet, Schreibblockaden aus dem Weg zu gehen. Aufzuhören, wenn es besonders gut lief, bedeutete nämlich auch, dem morgigen Ich eine Spur zu hinterlassen. Wie Hänsel und Gretel, die Brotkrumen ausstreuten, um den Rückweg zu finden, ließ Hemingway sich am Ende eines jeden Arbeitstages einen kleinen Pfad zurück in seine Geschichte.
Diese Methode klingt verrückt und logisch zugleich.
Sie hat nur einen Haken. Sie verlangt Disziplin. Viel Disziplin.
Denn kaum etwas fällt schwerer, als aufzuhören, wenn es gerade gut läuft. Es fühlt sich an, als würde man mitten im spannendsten Teil eines Films auf Pause drücken oder beim All-you-can-eat-Buffet nur einen Vorspeisensalat essen.
Die Versuchung ist groß. Noch eine Seite. Noch eine Szene. Noch ein Kapitel. Bis man schließlich weiterschreibt, weil es gerade so schön läuft, dann noch ein bisschen, weil man ohnehin schon dabei ist, und irgendwann feststellt, dass man seinen kreativen Tank bis auf den letzten Tropfen leergefahren hat und sich erst mal auf den weiten Weg zur Tankstelle machen muss. – Hemingway dagegen hatte immer einen Reservekanister zur Hand.
Hemingways Methode lehrt aber noch etwas:
Viele Menschen behandeln Kreativität wie ein scheues Wildtier. Wenn sie auftaucht, wollen sie sie um jeden Preis festhalten und möglichst vollständig ausschöpfen, ehe sie wieder verschwindet.
An Hemingway kann man sehen, dass Kreativität nicht nur aus geistigen Höhenflügen besteht, sondern auch aus Gewohnheit und Vertrauen in die eigene Arbeit – und manchmal auch aus der Fähigkeit, rechtzeitig aufzuhören.
Eine Kunst, die schon so manchen Künstler, Politiker (oder Menschen generell) davor bewahrt hätte, nach einem großartigen Erfolg ins Bodenlose abzustürzen – aber das ist eine andere Geschichte, die an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden soll.



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