Schreibtrunken.de


Wie ich auszog, „mal eben“ meine Website aufzuräumen


„Also … das ist hier aber echt nicht mehr schön!“

So hatte ich in den vergangen Monaten immer häufiger gedacht, wenn ich meinen kleinen, beschaulichen Internetauftritt begutachtete und so kam es, wie es kommen musste … In grenzenloser Selbstüberschätzung machte ich mich auf, hier mal für ein bisschen Ordnung zu sorgen.

Ich dachte, ich würde ein paar Kategorien sortieren, einige Texte verschieben, hier und da ein Bild austauschen – nur mal kurz durchwischen und anschließend zufrieden mit einer Tasse Kaffee vor dem Bildschirm sitzen und denken:

„Alles klar. So kann’s bleiben

Das war vor ungefähr sechs Wochen – glaube ich. Es gibt Tage, da weiß ich nicht mal mehr genau, welches Jahr wir haben und mein Schlafrhythmus wird überwiegend von der Frage bestimmt, ob 4:37 Uhr noch spät oder schon früh ist.

Vor allem aber habe ich Dinge gelernt, von denen ich bislang nicht einmal wusste, dass sie existieren.

Da war zum Beispiel die Sache mit den Templates.

Früher dachte ich, ein Template sei irgendetwas, das verdammt kluge Menschen entwerfen, damit es Doofies wie ich ein bisschen leichter haben. Von Menschen mit Ahnung. Menschen mit Informatikstudium. – Mittlerweile habe ich diverse eigene Templates gebastelt und sinniere darüber, warum eine verschachtelte Gruppe innerhalb eines Inhaltsblocks asymmetrische Innenabstände erzeugt.

Das Leben nimmt manchmal seltsame Wendungen.

Wer meine Website schon vor ihrer Kernsanierung kannte, hat vielleicht noch meinen kleinen Tante-Emma-Laden vor Augen. Ein paar Regale. Allerhand Gedichte. Einige Texte. – Mit etwas gutem Willen fand man sich schon irgendwie zurecht.


Dann kam dieser verhängnisvolle Tag, an dem ich mir einbildete, hier doch bestimmt noch ein bisschen mehr rausholen zu können. Ich. Die bisher nicht einmal in der Lage war, die Seitenleiste zu entfernen und ein einziges, vorgefertigtes Standard-Layout für sämtliche Beiträge verwendet hat.

Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben und so stürzte ich mich frohen Mutes ins Abenteuer Websitegstaltung. – Und das Unheil nahm seinen Lauf.


Hauptsache irgendwie Texte veröffentlichen?

Nein, diese Zeiten sollten der Vergangenheit angehören! Was ich fortan brauchte, waren Themenbereiche, Übersichtsseiten, Archivseiten, Querverlinkungen, neue Kategorien und entsprechende Unterkategorien. Nicht zu vergessen, einheitliche Beitrags-Titelbilder! Die hart erarbeitete Handvoll Abonnenten soll einen ja schließlich schon aus der Ferne wiederkennen und ein verzücktes: „Oh, das muss sie geschrieben haben!“ ausrufen.

Dann sollten Beiträge zu anderen Beiträgen führen. Beiträge zu Kategorien. Kategorien zu Übersichtsseiten. Übersichtsseiten zu ausgewählten Texten und ausgewählte Texte zu ähnlichen Texten.- Irgendwann hatte ich das Gefühl, meine Website hätte begonnen, sich selbst fortzupflanzen.

Dabei begegnete ich Funktionen, von deren Existenz ich nie zuvor gehört hatte. Fruit Loops – ja, die kannte ich. Aber jetzt lernte ich plötzlich Query Loops kennen und ich frage mich noch immer, warum selbst die einfachsten Dinge immer so komplizierte Namen haben müssen. Als wäre das Leben nicht schon diffizil genug.

Und ich entdeckte immer mehr.

Da waren Gruppen. Gruppen in Gruppen. Gruppen in Gruppen in Gruppen. Gruppen in Spalten, Spalten in Gruppen und natürlich auch Spalten in Gruppen in Spalten. – Wer um alles in der Welt hat sich das ausgedacht? Und wichtiger noch: Warum?

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass kleine Änderungen niemals kleine Änderungen bleiben. Man korrigiert einen Link und plötzlich funktionieren siebenundzwanzig andere nicht mehr. Man benennt eine Katgorie um um und vier weitere führen fortan ins Nirwana – die Links zu den darin befindlichen Beiträgen natürlich ebenso. Oder man verschiebt einen Beitrag und drei Buttons verhalten sich mit einem Mal wie pubertierende Jugendliche, die jegliche Kooperation verweigern. – So rein dramaturgisch betrachtet ein echter Volltreffer!

Einmal verbrachte ich beinahe einen ganzen Tag mit der Frage, warum ein Link auf dem iPhone funktionierte, auf dem Desktop funktionierte, auf Android funktionierte – aber auf dem iPad nur zu einer mysteriösen Adresse namens „href.li“ reiste, um dort anschließend mit der Meldung „No input file specified“ sein viel zu junges Leben auszuhauchen.

Je nach Tagesform meines technischen Equipments ist das noch immer so. Soll der Besucher im Zweifelsfall halt was anders nutzen, als sein Tablet so viel Einsatz wird man ja wohl erwarten dürfen, dacht ich mir und gab`s auf.

Ich möchte auch gar nicht weiter darüber sprechen.
Die Wunden sind noch frisch.


Irgendwann begann ich, Dinge zu sehen, die Normalsterbliche nicht sehen. Drei Pixel zu viel Abstand. Oder zwei zu wenig. Ich starrte auf Seiten und die Seiten starrten stumm zurück. Manchmal hätte ich aber auch geschworen, ein leises Kichern aus dem Innern meines Laptops zu vernehmen.

Und dennoch geschah mit der Zeit etwas, woran ich schon kaum mehr geglaubt hatte: Mit jedem gelösten Problem – und jedem weiteren Problem, das zuverlässig daraus hervorging und ein paar Tage später eliminiert wurde – sah ich etwas mehr Licht am digitalen Horizont. Nach und nach wurde alles heller, freundlicher, übersichtlicher – und es keimte wieder Hoffnung in mir auf.

Ein paar weitere Wochen zogen ins Land und wenn ich mir Schreibtrunken heute so betrachte, dann muss ich mir eingestehen: So dämlich war meine Idee mit der Aufräumerei vielleicht ja doch nicht.

An besonders wohlgelaunten Tagen sehe ich auch nicht mehr den kleinen Tante-Emma-Laden, sondern eher sowas wie das nigelnagelneue Rewe-Zentrallager der gesamten westlichen Hemisphäre! – Ja. Solche Tage gab es tatsächlich schon!

Zwar ist es gut möglich, dass man noch über den ein oder anderen Putzeimer stolpert, vielleicht stecken auch irgendwo versehentlich noch Schlüssel von innen oder geöffnete Türen präsentieren nichts weiter, als die unendlichen Weiten eines namenlosen Nichts – ich bin aber guter Dinge, dass mir auch das noch auffallen und mir eine Lösung dafür einfallen wird.

Bis dahin: Halte durch. Ich hab`s ja auch.

Für dich.


Ich hoffe, du fühlst dich wohl hier und falls dir irgendetwas auffällt, wovon du denkst, dass das so vermutlich nicht gedacht gewesen sein kann, dann lass es mich gern wissen – ob als Kommentar hier drunter oder auch auf diesem Weg.

Danke und liebe Grüße von mir zu dir!

Rebecca

Postscriptum: Mittlerweile habe ich mich auch der poetischen Aufarbeitung meines Dilemmas gewidmet. Falls Interesse besteht, es befindet sich dort: -> Ich wollte nur den Flur neu streichen



nach oben


Dein Echo auf diese Zeilen


Schreibtrunken.de