Kaum eine literarische Figur hat es schwerer als der Auserwählte.
Das möchte man zunächst gar nicht glauben, denn schließlich bekommt er alles, wovon andere Figuren nur träumen können: eine Prophezeiung, besondere Fähigkeiten, ein geheimnisvolles Schicksal und erstaunlich häufig bemerkenswerte Augen. Silbern. Golden. Violett. Oder zumindest in einer Farbe, die normalerweise nur bei exotischen Fischen vorkommt.
Außerdem ist der Auserwählte fast immer jung. Sehr jung. Gerade alt genug, um die Welt zu retten, aber nie alt genug, um beim Aufstehen über Rückenschmerzen zu klagen oder sich über steigende Strompreise zu beschweren. Man könnte also meinen, sein Leben sei beneidenswert. – Und genau das ist die große Täuschung.
Denn in Wahrheit möchte niemand mit ihm tauschen.
Normale Menschen dürfen sich überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen möchten. Der Auserwählte erfährt stattdessen, was er mit seinem Leben anfzufangen hat.
Irgendwann taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, ein alter Mentor, eine sprechende Eule oder eine uralte Schriftrolle und erklärt ihm, dass ausgerechnet er die Welt retten soll. Die meisten Helden reagieren darauf erstaunlich vernünftig.
Sie weigern sich, haben keine Lust, suchen Ausreden, laufen weg. Manche versuchen sogar, die Aufgabe jemand anderem aufs Auge zu drücken.
Das kann man ihnen kaum verdenken, denn die Karriere eines Auserwählten verläuft meist nach einem recht strikten Muster: Zuerst verliert er seinen gewohnten Alltag, dann sein Zuhause, mehrere Freunde und spätestens im letzten Drittel der Geschichte auch noch den Glauben an sich selbst.
Der Autor nennt so etwas Charakterentwicklung. Für die betroffene Figur ist es aber nichts weiter als eine fürchterliche Katastrophe.
Jedenfalls beginnt die Geschichte meistens gleich. Der jugendliche Held lebt in einem kleinen Dorf – natürlich tut er das, große Helden stammen nie aus Städten und kein Auserwählter der Weltliteratur hat jemals in einer Dreizimmerwohnung über einem Dönerladen gewohnt.
Für gewöhnlich verbringt der Dorfjunge seine Tage mit Holz hacken, Schafe hüten oder anderen Tätigkeiten, die ihn aus unerfindlichen Gründen ausgesprochen gut auf den späteren Kampf gegen fiese Dämonengötter vorbereiten.
Dann taucht besagter alter Mann auf.
Alte Männer erscheinen in Fantasyromanen übrigens grundsätzlich nur aus drei Gründen: Entweder sind sie Zauberer, der totgeglaubte Vater des Protagonisten oder der Dorfälteste, der später zum Mentor unseres Helden wird.
Der alte Mann betrachtet den Jungen lange. Sehr lange.
Dann sagt er: „Du bist anders als die anderen.“
Der Junge antwortet: „Ich bin doch nur ein einfacher Bauernsohn.“
Der alte Mann lächelt geheimnisvoll.
Und spätestens jetzt weiß jeder Leser, dass der Junge definitiv kein einfacher Bauernsohn ist.
Zwei Kapitel später stellt sich heraus, dass er in Wahrheit der letzte Erbe eines uralten Königshauses ist und irgendwer im Delirium eine Prophezeihung über ihn zum Besten gegeben hat. Vielleicht ist er auch der Wiedergeborene eines legendären Helden – oder alles gleichzeitig. Fantasyautoren sind da großzügig.
Nun stellt sich allerdings eine wichtige Frage:
Warum immer der Dorfjunge?
Warum nie Friedhelm?
Friedhelm, 54. Steuerfachangestellter. Leichte Rückenschmerzen. Dreißig Jahre Berufserfahrung. Ein äußerst solides Verständnis von Tabellenkalkulation.
Stell dir das einmal vor.
Ein uralter Drache erhebt sich, der Himmel verdunkelt sich – die Prophezeiung nimmt ihren Lauf. Ein Rat mächtiger Magier versammelt sich und der Älteste spricht:
„Nur der Auserwählte kann uns retten.“
Die Zeltplane öffnet sich.
Friedhelm tritt ein.
Mit Thermobecher und orthopädischen Einlagen.
„Moin.“
Ganz ehrlich? Ich würde das lesen. Sofort.
Doch leider funktioniert Fantasy anders. Der klassische Auserwählte muss jung sein. Nicht weil junge Menschen besonders gut darin wären, Dämonenkönige zu besiegen, sondern weil sie noch wachsen können. Sie müssen lernen, scheitern, zweifeln und reifen. Das ist erzählerisch wichtig, weil spannend.
Friedhelm hingegen hat drei Jahrzehnte lang Steuererklärungen geprüft. Den erschüttert nichts mehr.
Wenn ein Drache erscheint, fragt Friedhelm vermutlich zuerst, wie es mit den Brandschutzauflagen aussieht und ob überhaupt eine Gewerbeanmeldung vorliegt. Viel unspannender geht’s ja kaum.
Dass die Weltrettung meistens völlig unbezahlt erfolgt, ist ein weiterer Punkt, der diesen Job nicht gerade attraktiv macht. Kein Gehalt. Keine Überstundenregelung. Keine Rentenpunkte. Nichts. Der Held rettet die gesamte Existenz und bekommt anschließend einen Händedruck. Vielleicht noch eine Statue – falls er Glück hat.
Friedhelm hätte zumindest vorher nach den Vertragsbedingungen gefragt.
Vielleicht ist das der Grund, warum niemals Steuerfachangestellte auserwählt werden – sie lesen das Kleingedruckte. Und genau deshalb wäre jede Prophezeiung nach ungefähr acht Minuten beendet.
„Die Welt muss gerettet werden!“
„Unter welchen Konditionen?“
„Äh …“
„Gibt es eine Gefahrenzulage?“
„Nun ja …“
„Wie sieht die betriebliche Altersvorsorge aus?“
„Die zeit drängt, der dunkle Herrscher naht!“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Und so bleibt es eben doch beim Dorfjungen mit den geheimnisvollen Augen.
Während dieser nach wie vor keinen Bock auf seine Aufgabe hat, beneiden Nebenfiguren ihn meist um seine Rolle. Sie sehen die besonderen Fähigkeiten, den Ruhm und die Aufmerksamkeit – aber nicht die Rechnung, die später präsentiert wird.
Denn jede besondere Gabe bringt eine besondere Last mit sich.
Wer stärker ist als andere, muss mehr tragen.
Wer mehr weiß, sorgt sich mehr.
Wer die Welt retten soll, darf selten einfach nur in ihr leben.
Das ist der Preis, den der Auserwählte zu zahlen hat.
Von außen betrachtet wirkt sein Leben aufregend und höchst außergewöhnlich, was es letztlich auch ist – doch das ist noch lange nicht alles.
- Während andere Figuren Fehler machen dürfen, kann er sich sowas nicht erlauben – schließlich hängt der Fortbestand der ganzen Menschheit oder welcher Rasse auch immer von ihm ab.
- Während andere überlegen können, wer sie sein möchten, scheint seine Rolle bereits festgeschrieben zu sein.
- Die Welt erwartet Großes von ihm, lange bevor er selbst weiß, ob er dieser Aufgabe überhaupt gewachsen ist.
Auffällig daran: So fremd ist uns das gar nicht.
Natürlich muss niemand von uns einen dunklen Herrscher besiegen oder ein magisches Artefakt in einen brodelnden Vulkan werfen. Aber viele Menschen kennen das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen. Die Erwartungen der Familie, des Berufs, anderer Menschen. Und manchmal sogar die Erwartungen, die wir selbst an uns stellen.
Es gibt vermutlich niemanden, der nicht schon einmal gedacht hat:
- Warum eigentlich ich?
- Warum muss ich mich darum kümmern?
- Warum bin ausgerechnet ich immer der Depp?
- Warum kann nicht einmal jemand anderes einspringen??
Vielleicht erkennen wir uns deshalb so leicht in diesen Figuren wieder.
Nicht wegen ihrer Magie oder ihrer besonderen Augen, sondern wegen ihrer Überforderung. Weil hinter jeder großen Prophezeiung letztlich ein Mensch steht, der sich manchmal einfach nur einen freien Nachmittag wünscht.
Der Auserwählte ist letztlich nur
die literarische Übertreibung dieses
allzu menschlichen Gedankens.
Er trägt deutlich sichtbar, was viele Menschen im Kleinen erleben: Verantwortung. Druck. Zweifel. Die Angst zu scheitern. Und manchmal den heimlichen Wunsch, einfach nur ein gewöhnlicher Mensch sein zu dürfen, der faul auf der Couch rumhängt, sich durch sinnlose Serien zappt und Chips futtert.
Er sehnt sich nach Frieden und Normalität, vielleicht sogar nach einer Steuerprüfung. Ganz gewiss aber nach einem Leben, in dem niemand von seinen Augen spricht, von einer Prophezeiung oder von Schicksal.
Nach jemandem, der einfach fragt: „Sag mal, wie geht es dir eigentlich?“
Doch dazu kommt es selten, denn kaum hat die Geschichte begonnen, wartet hinter der nächsten Ecke bereits die nächste Bedrohung.
Und deshalb lautet die erste Regel des Auserwählten:
Wenn dir jemand erzählt, du seist etwas ganz Besonderes, lauf.
Wenn zusätzlich von einer uralten Prophezeiung die Rede ist, lauf schneller.
Und wenn jemand noch dazu deine ungewöhnlichen Augen erwähnt – renn!
Und vielleicht denkst du ja doch nochmal über eine Karriere als Steuerfachangestellter nach.



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