Wer kennt`s?
Man öffnet ein neues Dokument, der Cursor blinkt – die Figuren schweigen. Die Handlung existiert noch nicht und niemand weiß, wer wen ermordet, verlässt oder welches Abenteuer sich auf den nächsten 250 Seiten vor uns ausbreiten möchte.
Also beginnt es zu regnen.
Manchmal zieht auch Nebel auf, möglicherweise sogar ein Gewitter. Manchmal auch alles gleichzeitig – man weiß ja nie, wofür`s gut ist. Hauptsache Stimmung!
Der berühmteste Wetterbericht der Literaturgeschichte stammt vermutlich von Snoopy. Wann immer der literarisch ambitionierte Beagle sich an seine Schreibmaschine setzt, beginnt sein Roman mit den Worten:
„It was a dark and stormy night.“
Eine dunkle und stürmische Nacht also, soso.
Natürlich war sie das. Es liegt in der Natur der Sache, dass Nächte dunkel sind – und dass zu nachtschlafender Zeit ein Sturm aufzieht, ist jetzt auch nichts, was Leser in ungläubiges Staunen versetzt. Vielleicht hätte er es öfter mal regnen lassen sollen. Nur zur Sicherheit. Aber was weiß ich schon …
Eigentlich muss man sich ja fragen, wie es das Wetter zu solch großer Berühmtheit gebracht hat – man bedenke: es hat keine eigene Handlung, keine Charakterentwicklung, keine Motivation und keine tragische Kindheit. Trotzdem finden wir es regelmäßig auf Seite eins.
Regen. Nebel. Wind. Wolken. Schnee.Irgendwas ist doch immer.
Warum eigentlich?
Ganz einfach. Weil Wetter unglaublich praktisch ist.
Du möchtest eine düstere Atmosphäre? – Strömender Regen.
Du möchtest Gefahr? – Gewitter.
Du möchtest Einsamkeit? – Nebel.
Du möchtest Weltuntergangsstimmung? – Mehr Regen und mehr Gewitter.
Autoren lieben Wetter. Wetter macht alles mit. Wetter beschwert sich nie. Wetter verlangt keine Gehaltserhöhung. Wetter liefert zuverlässig Stimmung auf Knopfdruck.
Oder zumindest glauben wir das.
Das Problem ist nur:
Dem Leser ist das Wetter meistens ziemlich egal.
Wenn ich einen Krimi lese, möchte ich wissen, wer ermordet wurde. Nicht, ob die Luftfeuchtigkeit bei 73 Prozent lag.
Wenn ich einen Fantasyroman lese, interessiert mich der Drache, die fremdartigen Kreaturen, die Magie. Nicht die Wolkenformation über dem Gebirge.
Und wenn eine Liebesgeschichte beginnt, möchte ich wissen, wer sich in wen verguckt und nicht, ob ein derweil laues Lüftchen durch die Kastanienblätter streicht. Zumindest nicht sofort.
Jeder, der schon mal ein Buch gelesen hat, weiß es:
Menschen sind spannend.
Konflikte sind spannend.
Probleme sind spannend.
Das Wetter hingegen macht hauptsächlich Wetterkram.
Regen fällt. Wind weht. Schnee schneit. Das war’s im Wesentlichen.
Trotzdem begegnet uns das Wetter erstaunlich oft bereits im allerersten Absatz – wahrscheinlich, weil es sich sicher anfühlt. Was soll man aber auch anderes denken, wenn man so vor seinem leeren Dokument sitzt und sich fragt: „Womit soll ich bloß beginnen?“
„Mit Wolken natürlich!“ – Die Antwort scheint sich einem ja regelrecht aufzudrängen.
Wolken wirken irgendwie literarisch.
Und sie sind so schön harmlos, da kann man nicht viel verkehrt machen.
Und genau darin liegt die Gefahr.
Denn Leser stellen sich bei einem Romananfang unbewusst eine einzige Frage:
Warum sollte ich weiterlesen?
„Weil es gewittert!“ Diese Antwort hört man nicht gerade häufig.
Nehmen wir zwei Anfänge.
Variante A:
„Schwere Regenwolken hingen über der Stadt. Kalter Wind peitschte durch die Straßen.“
Variante B:
„Als Anna die Haustür öffnete, drückte einer der beiden Polizisten gerade zum zweiten Mal auf die Klingel.“
Welche Variante erzeugt mehr Neugier?
Eben.
Das soll jetzt nicht bedeuten, dass Wetter grundsätzlich zu vermeiden wäre. Natürlich nicht. Wetter kann großartig sein – wenn es etwas tut. Wenn es Bedeutung bekommt und Einfluss auf die Handlung hat. Wenn der Schneesturm die Figuren einschließt. Wenn der Nebel Gefahr verbirgt. Wenn die Hitze einen Konflikt eskalieren lässt.
Dann wird Wetter plötzlich zu mehr als reiner Deko.
Häufig wird das Wetter allerdings wie ein Raumspray für Atmosphäre genutzt. Ein bisschen Regen hier. Etwas Nebel dort. Noch ein Gewitter drüber. Fertig ist die Stimmung.
Leser merken das. Sie spüren, wenn Wetter nur deshalb existiert, weil die Szene sonst keine Stimmung hätte.
Warum aber auch die Figuren in ihrer tiefen Traurigkeit zeigen, wenn man es stattdessen einfach regnen lassen kann? Ebenso, wie wir den Leser mit ordentlich Sonnenschein erfreuen können, damit er das unsagbare Glück unserer Protagonistin besser nachfühlen kann! Und dass Nebel mit Angst zu assoziieren ist, das weiß ja nun wohl wirklich jeder.
Besonders beliebt ist übrigens das dramatische Gewitter. Es taucht zuverlässig immer dann auf, wenn jemand eine schreckliche Wahrheit erfährt. Niemand weiß, woher Gewitter ihre Informationen haben, über die Handlung scheinen sie jedenfalls stets im Bilde zu sein. – Irgendwie ist das ja auch ein bisschen traurig:
Das Wetter scheint in manchen Romanen mehr Empathie zu entwickeln als so mancher Mensch.
Ich habe ja die Vermutung, die Ursache liegt meist woanders.
Vielleicht beschreiben Autoren das Wetter nicht selten deshalb so ausführlich, weil sie sich noch nicht trauen, die eigentliche Geschichte zu erzählen.
Die Wolken sind eine Aufwärmübung – eine Hinhaltetaktik. Ein literarisches Räuspern, wenn man so will. Weil man noch nicht genau weiß, was die Figuren tun sollen, schreibt man eben über Regen. – Sowas passiert.
Das passiert den Besten. Wirklich. – Und jetzt?
Die Lösung ist allerdings denkbar einfach.
Wenn du dich dabei erwischst, wie du gerade das Wetter beschreibst, frage dich:
Ist das Wetter das Interessanteste, was in dieser Szene passiert?
Falls die Antwort „Ja“ lautet, solltest du vermutlich dringend etwas Spannenderes passieren lassen. Falls die Antwort „Nein“ lautet … tjanun …
Fakt ist: Die meisten Leser kaufen Bücher nicht wegen des Wetters. Dafür gibt es Wetter-Apps. Sie kaufen Bücher wegen der Menschen, Konflikten, Rätseln – und die entstehen erstaunlicherweise auch dann, wenn gerade kein einziges Wölkchen am Himmel zu sehen ist.
Aders gesagt: Das Wetter darf mitspielen. Es sollte nur nicht ständig versuchen, die Hauptrolle zu übernehmen. Vor allem dann nicht, wenn der Drache, der Mord oder die Liebesgeschichte noch unbeachtet in deinem Notizbuch auf ihren großen Auftritt warten.



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