Die heutige WordPress-Schreibanregung fragt nach dem besten Rat, den man jemandem geben würde, der jünger ist als man selbst.
Hhm. Mit Ratschlägen ist das ja immer so ne Sache …
Die meisten von uns haben schon unzählige davon bekommen.
Wir sollen mutiger sein, gelassener, dankbarer. Nicht so viel nachdenken, früher schlafen gehen, mehr Wasser trinken und uns selbst ganz arg lieben.
Na ja. Das Hirn weiß vermutlich sogar, dass das alles stimmt, aber wenn das Gefühl das anders sieht, wird es immer als diese nervige Stimme aus dem Off um die Ecke kommen und uns einreden, dass das alles Blödsinn ist – oder zumindest in unserem Fall ja sowieso nicht funktioniert.
Manche Dinge kann man ohnehin nicht „vermitteln“, man muss sie erleben, deshalb würde ich wohl auch keine „Ratschläge“ erteilen wollen, sondern einfach nur berichten, was ich während meiner bisherigen fünf Jahrzehnte unter „hilfreich“ abgelegt habe.
Wenn du etwas davon brauchen kannst, nimm`s dir gern mit.
Legen wir los …
1. Die meisten Sorgen lügen.
Nicht absichtlich – sie wissen es einfach nicht besser.
Sie erzählen uns von Katastrophen, die niemals eintreten, von Niederlagen, die ausbleiben und von Problemen, die sich längst erledigt haben, noch ehe wir ihnen begegnen.
Rückblickend finde ich es doch sehr bedauerlich, wie viel Lebenszeit ich mit Ängsten verbracht habe, die ausschließlich in meiner Vorstellung existierten. Was hätte ich währenddessen stattdessen doch alles machen können …
2. Du musst nicht warten, bis du bereit bist.
Weder für die Liebe, noch für irgendwelche Veränderungen und auch nicht für einen Neuanfang.
„Bereit sein“ ist nichts weiter als ein imaginäres Gefühl der Sicherheit und Sicherheit ist etwas, das das Leben nur selten verspricht. Ich habe viel zu viel Zeit am Bahnsteig meines eigenen Lebens herumgestanden und auf den richtigen Zug gewartet – dabei fuhr er längst.
Wir brauchen weder die 1. Klasse noch den besten Fensterplatz. Auf dem Boden hockend fährt es sich manchmal auch ganz gut. Und ja … das Herz darf ruhig ein bisschen wilder klopfen, das macht gar nichts.
3. Die wirklich wichtigen Tage kündigen sich fast nie an.
Sie schalten keine Preview und in den seltensten Fällen machen sie sich durch einen Trommelwirbel bemerkbar. Sie kommen daher, wie ein stinknormaler Tag mit Kaffee am Morgen und Gassirunde im Wald.
Später führt man dann vielleicht eher „zufällig“ ein Gespräch, das einem völlig neue Wege aufzeigt, oder man wird gezwungen, sich von jemandem zu verabschieden, von dem man sich freiwillig niemals würde verabschieden wollen – oder es geschieht irgendetwas anderes, an das man zwei Minuten vorher nicht mal im Traum gedacht hätte – positiv wie negativ.
Wichtige Tage werden später auch nicht die sein, an denen spektakuläre Großereignisse stattgefunden haben. Auch die Reise ans andere Ende der Welt wird es nicht sein.
Es werden die Tage sein, die man mit bestimmten Menschen verbracht hat, Momente, in denen man Tränen gelacht hat oder jemand, der einem am Herzen liegt, ein persönliches Ziel erreicht und seine Freude mit uns geteilt hat.
Die spektakulärsten Dinge werden mit großer Wahrscheinlichkeit einmal die sein, die wir im Moment ihres Geschehens völlig unspektakulär empfunden haben – die Geburt eigener Kinder mal ausgenommen.
4. Du musst nicht außergewöhnlich sein, um wertvoll zu sein.
Die Welt tut manchmal so, als würden nur die Schönen, Lauten und Erfolgreichen zählen. Die, die für alle sichtbar im Scheinwerferlicht stehen.
Doch die Menschen, die mein Leben wirklich bereichert haben, waren allesamt keine Berühmtheiten – es waren freundliche Menschen. Menschen, die zuhören konnten, geblieben sind, wenn es kompliziert wurde, zur richtigen Zeit die richtigen Worte gefunden haben – was nicht heißt, dass ich sie immer gern gehört habe.
Richtige Worte sind nicht immer schön.
Aber ich habe gelernt, enorm dankbar dafür zu sein, wenn sich jemand traut, auch die unschönen Dinge auszusprechen. Im besten Fall geben sie uns dadurch die Möglichkeit, Dinge wahrzunehmen, die wir bisher nicht gesehen haben – vielleicht auch einfach nicht sehen wollten.
Aber Weglaufen bringt in der Regel nur etwas, wenn du schneller bist, als das, was dich verfolgt. Verfolgt dich etwas, das du in dir trägst, hast du keine Chance. Du musst stehenbleiben und dich damit auseinandersetzen.
Je eher umso besser.
5. Du wirst nicht alles schaffen.
Nicht jedes deiner Vorhaben wird dir gelingen und manche Möglichkeit, die sich dir bietet, wirst du ungenutzt verstreichen lassen. Du wirst auch vermeintlich falsche Entscheidungen treffen – vermeintlich deshalb, weil es gut möglich ist, dass du sehr viel später feststellst, dass sie so falsch gar nicht waren. Erst mal aber fühlt es sich so an.
Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach auch Menschen verletzen – wenn kein Vorsatz dahintersteckt, macht dich das aber nicht zu einem schlechten Menschen. Einfach nur zu einem Menschen. Mehr nicht.
Wir alle verletzten andere. Leider. Aber keiner weiß, welche ungesicherten Baustellen andere mit sich herumtragen und so kann es passieren, dass wir sie unbeabsichtigt in eine Grube schubsen. Niemand hindert dich daran, ihnen die Hand zu reichen und herauszuhelfen …
6. Andere Menschen denken viel weniger über dich nach, als du befürchtest.
Falls du ähnlich viel Zeit damit verbringst, darüber nachzudenken, was andere von dir halten, wie ich es lange getan habe, ist dieser Satz vielleicht sogar ein wenig enttäuschend. Aber ich würde Haus und Hof darauf verwetten, dass er stimmt.
- Hab ich was Peinliches gesagt?
- Kann ich so auf die Straße?
- Da werden sie sich in hundert Jahren noch das Maul drüber zerreißen.
Nein. Werden sie nicht.
Die meisten Menschen sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich dieselben Fragen über sich selbst zu stellen.
Während du nachts wach liegst und darüber nachdenkst, ob dein Kommentar in einer Unterhaltung albern geklungen hat, grübelt dein Gegenüber vermutlich darüber nach, ob seine eigenen Worte klug genug waren.
Während du befürchtest, jemand könnte deine Unsicherheit bemerken, sorgt sich diese Person vielleicht gerade um ihre eigene.
Wir alle laufen viel zu häufig mit der Erwartungshaltung durch die Welt, wir stünden im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit – dabei sind die meisten Menschen Hauptdarsteller in ihrem eigenen Film. Nicht in unserem.
- Du darfst Fehler machen.
- Du darfst Neues ausprobieren.
- Du darfst dich verändern.
Die meisten Menschen werden es entweder gar nicht bemerken oder nach wenigen Minuten wieder vergessen haben. Und diejenigen, die tatsächlich ständig über andere urteilen, tun das in der Regel nur deshalb, weil sie ihre eigenen Sorgen und Nöte noch nicht auf die Bühne geholt haben.
7. Jede Begegnung, der du dich mit dem Herzen öffnest, hinterlässt Spuren – wie lang oder kurz sie auch gewesen sein mag.
Manche Menschen begleiten uns jahrzehntelang und verändern wenig. Andere begegnen uns für eine Stunde in einem Café, in einem Zug oder auf einer Parkbank und und wir tragen etwas von ihnen noch Jahre später mit uns herum.
Vielleicht in einem Satz, den sie gesagt haben, einer Frage, die sie uns gestellt haben – oder weil wir etwas, das uns wichtig war, mit ihnen geteilt haben und genau das mit verlorengeht, wenn der Mensch sich von uns abwendet.
Lieblingsmusik und Lieblingsorte werden schlimmstenfalls ihre Leichtigkeit verlieren, wenn du sie mit jemandem geteilt hast, der irgendwann nicht mehr Teil deines Lebens ist – weil du an diesen Orten oder bei dieser Musik immer an denjenigen denken wirst.
Überleg dir gut, was von dir du anderen schenkst.
Einen Teil davon bekommst du womöglich nie zurück.
Zu diesem Thema kann man endlos schreiben, ich will aber nur noch eines nennen:
8. Geh möglichst achtsam mit anderen Menschen um.
Die meisten Menschen werden nie erfahren, welchen Einfluss sie auf andere hatten.
Du weißt nicht, ob dein Lächeln jemandem den Tag gerettet hat oder ob deine beiläufige Bemerkung noch Jahre später nachklingt. Wie ein Lehrer auch nicht weiß, welcher Satz einem Kind im Gedächtnis bleibt.
Ich erinnere von meiner Einschulung zum Beispiel nichts, außer der Aussage eines mir fremden Lehrers, der mit Blick auf meinen bunten Flicken auf der Gesäßtasche meiner Hose anmerkte, dass man da ja immer wisse, wo man draufzuhauen habe.
War vermutlich ein Scherz – für mich, noch nicht mal sechs Jahre alt und mit entsprechenden Erfahrungen im Rucksack, alles andere als das.
Wir alle tragen Sätze von anno dazumal mit uns herum, das lässt sich auch nicht vermeiden (siehe Punkt 5), aber wir können uns wenigstens um Schadensbegrenzung bemühen.
Ob es uns gefällt oder nicht: Andere hinterlassen ständig Spuren in unserem Leben und wir hinterlassen ständig Spuren in den Leben anderer Menschen – wie sollen sie sich später mal an uns erinnern?
Wir können und müssen nicht alles richtig machen.
Aber aufmerksam durch dieses Leben gehen, das wäre schon viel wert.
Freundlich sein, wann immer es möglich ist, mutig, wenn es nötig ist – und offen genug, um uns auf eine für uns gute Weise berühren zu lassen.
Der Rest ergibt sich unterwegs.
Und wenn ich alles auf einen einzigen Satz reduzieren müsste:
Hab keine Angst, unvollkommen zu leben.
Denn nichts anderes bedeutet es, Mensch zu sein.
Das solls gewesen sein.
Liebe Grüße und komm weiter gut durch deinen Tag!



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