Was liebst du heute, das du früher gehasst hast?
So lautet die heutige WordPress-Schreibanregung und ich wäre nicht ich, wäre mir nach meinem spontanen Gedanken: „Oliven!“ nicht doch noch etwas ganz anderes eingefallen.
Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass ich allzu sehr in der Vergangenheit lebe, dennoch trage ich sie natürlich mit durch mein Leben und ab und an wird mir bewusst, wie sehr sich manche Dinge doch verändert haben – wie sehr ich mich verändert habe.
Die Rebecca von früher hätte niemals irgendwelche Texte im Internet gepostet und dass sie sie auch noch in Wort und Bild persönlich vortragen würde, das war erst recht nicht zu erwarten. Hätte man meinem jugendlichen Ich etwas Derartiges prophezeit, es hätte vermutlich laut gelacht – oder hysterisch geheult. Vermutlich eher das.
Ich war das Mädchen, das am liebsten unsichtbar gewesen wäre. Das, das in der Schule den Mund kaum aufgemacht und Fragen häufig auch dann nicht beantwortet hat, wenn es die Antwort wusste.
Das Mädchen, das bei Schulfest-Theateraufführungen, Klassenfahrt-Modenschauen oder Ähnlichem regelmäßig kurz vorm Auftritt dringend aufs Klo musste, Kopfschmerzen oder einen Schwindelanfall bekam.
Ich erinnere mehrere solcher Situationen, die ich im Vorfeld extrem gut einstudiert hatte. Ich wusste um den Ablauf, konnte meinen Text und eigentlich hätte nichts schiefgehen können – aber ich hab mich in der Regel erfolgreich in allerletzter Minute davor gedrückt. Bloß nicht auffallen. Man weiß ja nie …
Meine Vermeidungsstrategie hat sich irgendwann verselbständigt, ich konnte nicht einmal irgendwo anrufen, ohne dass ich mir mein Anliegen Wort für Wort aufgeschrieben und stundenlang geprobt habe.
In meinem Kopf geistert noch immer eine Erinnerung an ein Telefonat herum, das meine Mutter mir aufgetragen hatte. Ich sollte bei einem Versandhaus anrufen und etwas reklamieren. Ja, ich bin so alt … Dass sowas mal online gehen würde, daran hat der Großteil der Menschheit damals vermutlich noch nicht mal im Traum gedacht.
Jedenfalls hat mich die Frau am anderen Ende nach meinen ersten zwei gestammelten Sätzen gebeten, zu wiederholen, was ich gesagt habe, sie hätte mich nicht verstanden – und ich hab einfach aufgelegt, hatte regelrecht Panik. Nie wieder würde ich telefonieren, das stand fortan fest.
Ähnlich, wenn ich draußen unterwegs war.
Wo auch immer ich mich aufhielt, ich kannte von meiner Umgebung meist nicht mehr als meine Schuhspitzen. Blickkontakt mit anderen Menschen? Womöglich sogar jemanden anlächeln? Mon dieu! Ein Ding der Unmöglichkeit!
Unsichtbarkeit war sowas wie meine geheime Superkraft und ich hätte nicht gedacht, dass ich sie mal freiwillig aufgeben würde.
Und heute? Heute stehe ich freiwillig vor Menschen, lese meine Texte und berufsbedingt telefoniere ich regelmäßig mit wildfremden Leuten – mit dem Ruhepuls einer Schildkröte im Winterschlaf.
Das Verrückte: Es macht mir sogar Spaß!
Ich denke, man unterhält sich ganz gern mit mir. Ich bin schlagfertig, wohl auch recht unterhaltsam und wenn ich irgendetwas nicht weiß, bekomme ich keine Stresspusteln, sondern sage schlicht: „Ups. Keine Ahnung, da hab ich wohl ne Bildungslücke.“ Und das ganz ohne schlechtes Gefühl.
Es gibt Momente, da nehme ich mich selbst und mein Auftreten recht deutlich wahr und frage mich: Sag mal – wer um alles in der Welt bist du eigentlich?
Dann schau ich in den Spiegel – und das Mädchen von damals schaut zurück.
Es ist nicht verschwunden. Es sitzt irgendwo in der ersten Reihe und schaut mich mit großen Augen an, als könnte es kaum glauben, was da gerade passiert.
Ich weiß bis heute nicht genau, wann diese Veränderung begonnen hat.
Es gab nicht „diesen einen Morgen“, an dem ich aufgewacht bin und plötzlich mutig war oder irgendeinen anderen magischen Moment.
Ich weiß nur, dass ich irgendwann sehr trotzig geworden war und eine gewisse „Hopp oder top“-Mentalität entwickelt habe. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.
Ach … Kennst du den Song „Delmenhorst“ von Element of Crime? Die Zeile „Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß“ trifft’s vermutlich ganz gut. – Hörempfehlung!
Und doch kam das alles nicht über Nacht. Bei manchen Veränderungen ist das wohl so. Es geschieht etwas, das das ganze bisherige Leben auf den Kopf stellt und ab sofort ist alles anders – aber nicht bei mir.
Meine Veränderung bestand aus unzähligen kleinen Schritten. Schritte, deren Bedeutsamkeit mir gar nicht bewusst war. Vielleicht war sie auch nur möglich, weil sie gerade nicht aus dem Gedanken „Ab heute werd ich …“ geboren wurde, sondern eher aus einem: „Ach, dann leckt mich doch alle am Arsch.“ Nicht wirklich sympathisch, ich weiß, aber so war`s halt.
Aus unerfindlichen Gründen hatte ich plötzlich nicht mehr das Bedürfnis, zu gefallen, dazuzugehören, Lob für was auch immer zu bekommen. Und mit einem Mal war da auch sehr viel weniger Angst, ich könnte etwas falsch machen. Und selbst wenn – darin war ich ja bestens erprobt, also was soll`s? Ich hab`s bis hierhin geschafft, dann schaff ich den Rest schon auch noch. Das wurde irgendwann mein Tenor und er ist mir bis heute erhalten geblieben.
Was sich dagegen sehr verändert hat, ist meine Einstellung gegenüber anderen Menschen.
Ich mag sie ganz gern – und genau deshalb halte ich mich von den meisten auch fern.
Zu enger Kontakt ist mir nach wie vor etwas unangenehm, vielleicht, weil er die Gefahr mit sich bringt, dass ich meine Meinung wieder ändere und mich erneut in mein Schneckenhaus zurückziehe. Von außen sieht es vielleicht so aus, als wäre das nur eine andere Erscheinungsform ein und desselben Musters, aber ich denke nicht. Dafür hat sich in meinem Innern viel zu viel verändert.
Manchmal glaube ich, dass ich heute sowas wie die große Schwester meines kleinen Ichs bin. Die, die in die Bresche springt, wenns nötig ist und jede drohende Gefahr schon in ihrem Keim ersticken möchte – das führt zwar zu einer gewissen Distanz zwischen mir und anderen, aber es gibt mir auch Sicherheit. Und die ist mir heilig.
Ich denke, es ist wichtig, nicht zu vergessen, woher man kommt. Nicht, weil die Vergangenheit um jeden Preis bewahrt werden müsste, sondern um überhaupt erkennen zu können, wie weit man gekommen ist.
Wir vergleichen uns so oft mit den Menschen um uns herum. Mit denen, die mutiger wirken, erfolgreicher, selbstbewusster. Dabei ist der wichtigste Vergleich doch immer nur der mit uns selbst.
Mit dem Menschen, der wir einmal waren und der vielleicht sogar nicht einmal seinen eigenen Namen laut aussprechen konnte.
Die meisten von uns tun heute ganz selbstverständlich Dinge, die uns früher unvorstellbar erschienen. Wir führen Gespräche, vor denen wir früher davongelaufen sind, werden laut, wo wir geschwiegen haben und im besten Fall bestaunen wir all die unzähligen Wunder dieser Welt, die wir damals in unseren Schuhspitzen nicht erkennen konnten.
Natürlich habe ich manchmal noch immer Bammel vor gewissen Situationen. Aber dieser Fakt entscheidet nicht mehr darüber, wie mein Leben aussieht. Ich weiß, dass ich trotzdem tun kann, was mir Freude macht – und dass es okay ist, wenn irgendetwas nicht ganz so 100%ig läuft. Das gehört dazu und ist völlig normal.
Um zur Ursprungsfrage zurückzukommen …
Ich „liebe“ es sicher noch immer nicht, irgendwo im Mittelpunkt zu stehen, aber ich liebe es, meine Worte und Gedanken nach außen tragen zu können und dadurch überhaupt erst die Erfahrung machen zu dürfen, dass sie ab und an auch für andere von Nutzen sind.
Dass ich das mal mögen würde, war so ziemlich das Letzte, was das Mädchen, die Jugendliche oder auch die junge Erwachsene, die ich mal war, erwartet hätte.
Deshalb hab ich wohl auch kein Problem mit dem Älterwerden – im Gegenteil.
Mit jedem weiteren verstreichenden Jahr spüre ich so viel mehr von dieser „entspannten Gleichgültigkeit“, die sich über mein Leben und mögliche Fehler legt, dass ich manchmal total gespannt darauf bin, was ich mich in den kommenden Jahren wohl noch alles trauen werde, was das Mädchen von damals nie für möglich gehalten hätte.
Falls dieses Mädchen dich an irgendetwas erinnert, dir irgendwie bekannt vorkommt oder du aktuell noch nicht glauben kannst, dass bestimmte Dinge sich jemals verändern werden, dann wünsche ich dir sehr, dass du wenigstens die Möglichkeit in Betracht ziehen kannst, dass du heute noch nicht der Mensch sein musst, der du in einigen Jahren sein wirst. Und dass du in einigen Jahren nicht exakt der Mensch geblieben sein wirst, der du heute bist.
Manchmal genügt es, morgen einen einzigen Satz mehr zu sagen als gestern. Einen Blick länger zu halten. Einmal öfter anzurufen. Sich einmal mehr zu trauen.
Es kommt nicht auf die großen Schritte an. Es sind die unzähligen winzigen Schritte, die uns durchs Leben tragen und uns ausmachen – Schritte, die wir oft erst dann bemerken, wenn wir uns irgendwann umdrehen und auf das Kind zurückblicken, das uns mit großen Augen anblickt und schüchtern lächelt.
Hab noch einen schönen Tag und danke fürs Lesen.



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