Die heutige WordPress-Schreibanregung lautet:
Schaff 5000 Schritte und erzähl uns davon. Wir feiern dich.
Echt jetzt, WordPress?
Ich gehe 3x täglich Gassi, meine Schritte haben demnach gar keine andere Wahl, als dieses „Ziel“ regelmäßig schon morgens um sechs zu übertreffen, aber darum soll es gar nicht gehen.
Ich frage mich vielmehr, was unsere Urgroßeltern wohl gedacht hätten, hätte sie jemand aufgefordert, ihre Schritte zu zählen.
Vermutlich hätten sie verständnislos geguckt – und wären einfach weitergelaufen.
Nicht aus Ehrgeiz oder um dafür Applaus zu bekommen, sondern schlicht und ergreifend deshalb, weil das Leben nun mal dort stattfand, wo ihre Füße sie hintrugen.
Zum Brunnen.
Zum Feld.
In den Stall.
Zum Nachbarn.
In die Kirche.
In die Schule.
Zum Tante-Emma-Laden.
Eben überall dahin, wo es etwas zu erledigen gab.
Heute fahren wir die 500 Meter zum Fitnessstudio mit dem Auto, um dort auf einem Laufband ein paar Kilometer zu reißen.
Das ist fast so, als würden wir unsere Gärten vollständig pflastern, um anschließend Topfpflanzen zu kaufen, damit es wieder ein bisschen nach Natur aussieht.
Aber das ist dann wohl das, was man „Fortschritt“ nennt. – Und gerade dieser Fortschritt führt uns fort von Schritten.
Hhm … Ist das eigentlich schon Satire?
Keine Ahnung – jedenfalls ist es total irre.
Manchmal scheint es so, als hätte der Mensch seine Füße heute nur noch, um sie in schicke Schuhe zu quetschen. Ja: quetschen.
Nicht wenige Frauen besitzen sogar „Sitzschuhe“. Schuhe, in denen man es maximal vom Auto bis an seinen Sitzplatz am Tisch schafft und keinen Meter weiter. – Wohl dem, der es ein paar Stunden aushält, ohne aufs Klo zu müssen.
Wieder zuhause werden die hineingeschwollenen Quanten mit Hammer und Meißel aus ihrer schmerzhaften Gefangenschaft befreit und in ein beruhigendes Calendula-Fußbad in Bioqualität getunkt – muss man nicht verstehen.
Uroma hatte solche Schuhe aller Wahrscheinlichkeit nach nicht im Schrank. Und ganz gleich, wie viele Kilometer sie am Abend zurückgelegt hatte, darüber gesprochen hat sie vermutlich auch nicht.
Das war das Leben. – Heute leben wir anders.
Fast alles lässt sich per Klick oder Knopfdruck regeln, was man braucht, das ordert man an Haustür oder Bordsteinkante und um den Rasen kümmert sich der solarbetriebene Mähcedes.
Großartig. Das schont den Rücken – dessen Muskulatur zwar immer weiter verkümmert aber dafür gibts ja den Physiotherapeuten. Der will schließlich auch von was leben!
Klar. Es gibt noch ein paar Jobs mit enormen Schrittmengen in der Stellenbeschreibung (wie viele Schritte eine Pflegekraft nach ihrem Dienst wohl auf der Uhr hat?), die immer weiter voranschreitende Digitalisierung hat aber auch viele Menschen an den Schreibtisch verpflanzt und die tägliche Bewegung auf ein Minimum reduziert.
Dafür kann Sitzen aber auch wahnsinnig abwechslungsreich sein.
Wir sitzen im Auto, im Büro, vor Bildschirmen – oder auf der Couch, um eine Dokumentation darüber anzuschauen, wie gesund Bewegung ist.
Wir sind schon ein lustiges Völkchen.
Manchmal frage ich mich, wann Bewegung ihren eigentlichen Zweck verloren hat.
Früher brachte sie uns irgendwohin – heute ist sie oft selbst das Ziel.
Da hat der Mensch also jahrtausendelang versucht, sich das Leben leichter zu machen und sucht jetzt nach Möglichkeiten, es ein kleines bisschen unbequemer zu gestalten – weil er zu bequem geworden ist.
Wir nehmen uns vor, die Treppe zu nutzen statt den Aufzug, das Auto einen Block weiter weg zu parken und wenn wir tatsächlich mal spazieren gehen, dann häufig nicht etwa deshalb, weil wir die Gegend zu Fuß erkunden wollen sondern damit unsere Smartwatch uns sagt, dass wir heute stolz auf uns sein können. – Glückwunsch!
Wir gehen, ohne irgendwo ankommen zu wollen, laufen im Kreis und sammeln Schritte.
Aber vielleicht sehe ich das auch viel zu eng.
Zeiten ändern sich nun mal und jede neue Zeit bringt auch neue Herausforderungen mit sich.
Unsere besteht vielleicht darin, dass wir uns wieder bewusst dafür entscheiden, wofür früher niemand eine Entscheidung brauchte.
Zu gehen.
Nicht, um Kalorien zu verbrennen oder eine bestimmte Zahl zu erreichen, sondern einfach nur deshalb, weil Gehen etwas mit uns macht.
Wer geht, wird langsamer.
Und wer langsamer wird, sieht mehr, riecht mehr – bekommt mehr mit.
Ob es die Mohnblumen am Feldrand sind, das Lächeln der Person, die uns entgegenkommt (vorausgesetzt, wir starren beim Laufen nicht aufs Handy) oder vielleicht sogar unsere eigenen Gedanken, die am Schreibtisch chaotisch in alle Richtungen springen, sich in Bewegung aber plötzlich für eine geordnete, gemeinsame Richtung entscheiden.
Natürlich lösen Schritte keine Probleme.
Aber manche bringen uns weit genug von ihnen weg, um sie zum ersten Mal richtig sehen zu können.
5000 Schritte.
Dass sie für manche Menschen viel erscheinen, sagt sicher nicht immer etwas über ihre grundsätzliche Lebenseinstellung aus, aber wer über zwei gesunde Beine verfügt und sie kaum nutzt, dessen Schrittmenge erzählt dennoch eine Geschichte.
Eine, die man in Geschichtsbüchern wohl niemals finden wird – die aber dennoch sehr anschaulich macht, wie sehr unsere Welt sich verändert hat.
Oder anders:
Wie weit unsere Füße uns heute tatsächlich noch tragen.



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