Haiku
17 Silben – alles gesagt.
Regen auf dem See.
Jeder Kreis verschwindet still –
doch das Wasser bleibt.
Manchmal genügt ein einziger Regentropfen.
Er trifft die glatte Oberfläche eines Sees, zeichnet ein paar Kreise und bringt für einen kurzen Moment alles durcheinander.
Plötzlich verschwimmt die Spiegelung und das Wasser wirkt unruhig, doch schaut man einen Augenblick später noch einmal hin, ist von den Kreisen nichts mehr zu sehen – aber der See ist geblieben.
Ich denke, wir nehmen aktuelle Veränderungen grundsätzlich sehr viel stärker wahr als das, was ihnen standhält.
Ein neues graues Haar springt uns sofort ins Auge – dass wir noch immer über denselben Unsinn lachen können wie vor zwanzig Jahren, bemerken wir kaum.
Wir sehen die Umzüge, die Abschiede, die neuen Arbeitsstellen, die Falten, die Narben und all die Ereignisse, die ein Leben in unterschiedliche Kapitel unterteilen.
Was all die Jahre überdauert hat, das nehmen wir dagegen wie selbstverständlich hin – oder denken nicht mal drüber nach.
Man muss sich nur mal alte Fotos anschauen.
Das Gesicht jünger, die Kleidung längst aus der Mode, die Frisur eine andere. Und doch schaut einem derselbe Mensch entgegen. Einer, der inzwischen mehr verloren, mehr gewonnen, mehr gelernt, mehr geliebt und mehr ausgehalten hat als damals – und trotzdem unverkennbar derselbe geblieben ist.
Der Mensch neigt aber nun mal dazu, auf die Kreise zu achten, die der Regen auf der Wasseroberfläche hinterlässt.
Auf das, was sich bewegt, uns verunsichert oder aus dem Gleichgewicht bringt – das Wasser selbst gerät dabei leicht in Vergessenheit.
Dabei hat es
all die Kreise
getragen.
Und trägt die, die noch kommen, genauso.
Mir persönlich hat es schon häufig geholfen, mich an all das Beständige zu erinnern, das es neben all den Veränderungen ja auch gibt – und ich dachte, ich teile diese Gedanken einfach mal mit dir.
Hab einen schönen Sonntag!



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