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Recherche: gefährlicher als Netflix


Recherche ist wichtig. Recherche ist sinnvoll. Sie ist aber auch der natürliche Feind eines jeden Manuskripts. – Und vermutlich gefährlicher als Netflix.

Recherche gehört zum Schreiben dazu. Das wissen wir alle.

Wenn dein Held Chirurg ist, solltest du vielleicht grob wissen, wo sich die Leber befindet und wenn deine Geschichte im Mittelalter spielt, solltest du geprüft haben, ob Ritterzüge bereits per Google Maps geplant wurden oder nicht.


Eigentlich könntest du weiterschreiben. Aber plötzlich taucht ein Gedanke auf. Ein winziger, unschuldiger Gedanke, so angsteinflößend wie ein kleiner Welpe beim Verdauungsschlummer.

Du öffnest schnell Google. Nur zwei Minuten. Du musst ja schließlich wissen, worüber du schreibst.

Zehn Minuten später weißt du, dass die meisten europäischen Langschwerter zwischen einem und anderthalb Kilogramm wogen und könntest zurück zum Schreiben. Doch plötzlich fällt dein Blick auf einen Link.

Das klingt interessant und kommt genau zur rechten Zeit. Nur kurz anklicken – dein Roman wird es dir später sicher danken.


Was du nicht weißt: Wie dein Kapitel weitergeht.

Aber das wird schon noch. Du kennst dich in der Welt deiner Charaktere immer besser aus und das wird man der Qualität deines Werks später deutlich anmerken. Genau genommen tust du das alles ohnehin nur für deine Leserschaft, die das Recht auf eine gut recherchierte Geschichte hat.

Geschrieben hast du exakt zehn Wörter. Davon vier Artikel.

Großartig.

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Die Recherche hat dich eingewickelt wie die Spinne ihre Fliege – und du zappelst nicht mal.


Das Gefährliche an der Recherche:
Sie fühlt sich unglaublich produktiv an.

Während Netflix sagt:

„Setz dich hin, lass dich berieseln und verschwende diesen Abend“,

sagt die Recherche:

In den allermeisten Fällen ist das nichts weiter als eine hinterlistige Lüge, denn tatsächlich vermeidest du oft nur den schwierigsten Teil des Ganzen:

Man glaubt es kaum, aber Schreiben ist anstrengend.

Du musst Entscheidungen treffen, Handlungsstränge im Auge behalten und dabei unterlaufen dir immer wieder Fehler. Geht aber auch gar nicht anders, denn ohne Fehler und deren mannigfaltiger Überarbeitungen könnten wir den Großteil unserer Weltliteratur vermutlich einstampfen – oder hätten sie nie zu Gesicht bekommen.

Dennoch … Nicht jede Gefahr muss man auch eingehen – lieber weiterrecherchieren. Das kann man dann stunden-, tage-, wochenlang betreiben, ohne auch nur einen einzigen schlechten Satz zu produzieren! Eine ganz wunderbare Sache.

Nur leider entsteht dabei auch kein Roman.

Eine unbedeutende Wissenslücke hat dich stattdessen ins intellektuelle Bermudadreieck gelotst und da dümpelst du jetzt halt so rum. Die Sonne brennt. Kein Lüftchen weht – dumm gelaufen.

Aber keine Sorge: Kennen wir alle.
Mal mehr, mal weniger.


Autoren historischer Romane sind eine ganz eigene Spezies. Sie recherchieren Dinge, die kein Leser jemals bemerken wird. Sie können sich mehrere Tage mit der Frage befassen, ob in einem Dorf des Jahres 1287 eher Ziegen oder Schafe gehalten wurden.

Der Leser hingegen denkt später maximal:
Stimmt. Milch is alle. Muss noch zum Aldi.“ – Das war`s.

Kein Mensch schlägt nach Kapitel zwölf das Buch zu und ruft:

„Heureka! Endlich jemand, der die Viehhaltung des späten 13. Jahrhunderts korrekt darstellt!“

Natürlich bedeutet das nicht, dass Recherche unnötig wäre. Ganz im Gegenteil. Gute Recherche macht Geschichten glaubwürdig. Man muss nur ein paar Sicherheitshinweise beachten – fast wie beim Tauchen:

Runter. Information holen. Wieder hoch, solange man noch genug Luft in den Lungen hat. Das ist auch schon der ganze Trick.


Natürlich tut man das alles nur, um gut vorbereitet zu sein und weil man etwas zu Papier bringen möchte, das Hand und Fuß hat.

Nicht wenige Autoren versacken jedoch regelmäßig in ihren Recherchen, während sie mehr und mehr Wissen anhäufen und auf den fast schon heiligen Moment warten, in welchem sie die Erkenntnis überfällt, nun endlich alles zu wissen, was man wissen muss, um endlich schreiben zu dürfen.

Das Problem:

IIrgendwo existiert immer noch ein Detail, das man nachschlagen könnte. Immer. Ganz gleich, ob es um das Schreiben eines Romans, die Bepflanzung eines Hochbeets oder was auch immer geht.

Die Wahrheit lautet: Du wirst nie alles wissen.
Und das musst du auch nicht.

Leser kaufen Geschichten.


Falls du also gerade recherchierst,

  • wie mittelalterliche Schmieden ihre Esse befeuerten, obwohl dein Schmied nur zwei Sätze Dialog hat …
  • welche Holzart 1834 bevorzugt für Kutschenspeichen verwendet wurde …
  • oder seit drei Stunden Videos über antike Münzprägung anschaust, obwohl dein Held lediglich einen Becher Met bezahlen will …

Dann habe ich eine schlechte Nachricht für dich:

Du recherchierst nicht mehr. Du flüchtest.
Und dein Manuskript weiß das. Es sitzt irgendwo traurig auf deiner Festplatte und wartet darauf, dass du endlich zu ihm zurückkommst.

Vielleicht solltest du also das nächste Video nicht anklicken, den Browser schließen und einfach weiterschreiben. Falls du vorher aber noch kurz etwas über Hühnerhaltung lesen möchtest …

Nun ja …

Ich bleib einfach hier sitzen und und in drei Stunden erzählst du mir dann, was du Spannendes erfahrenhast, okay?



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