Als Kind dachte ich, Trauer hätte immer mit dem Tod zu tun.
Jemand war da, dann war er nicht mehr da, und deshalb trauerte man.
Das ergab Sinn. Das verstand ich.
Später stellte ich fest, dass das Leben deutlich komplizierter ist.
Manche Menschen verschwinden,
obwohl sie noch leben.
Da ist zum Beispiel dieser Freund, diese Freundin.
Man hat früher über alles gesprochen – doch die Nachrichten werden mit der Zeit immer seltener und irgendwann bleiben sie ganz aus. Man nimmt sich vor, sich bald wieder zu melden, und stellt Monate später fest, dass aus einer Pause längst eine scheinbar unüberbrückbare Entfernung geworden ist.
Oder man sitzt bei einem Familientreffen und merkt plötzlich, dass man mit einem Bruder, einer Schwester oder einem Elternteil kaum noch etwas gemeinsam hat. Nicht weil etwas Besonderes passiert wäre – das Leben hat einfach ganz leise zwischen zwei Menschen eine Kluft in den Erdboden geschlagen.
Die Person lebt noch. Und trotzdem fehlt sie.
Über solche Verluste sprechen wir noch seltener als über den Tod.
Sie sind uns fast ein bisschen peinlich.
Dabei können sie ähnlich schmerzhaft sein – in manchen Fällen wahrscheinlich sogar schlimmer, da solche Verluste kein klares Ende haben.
Es gibt kein Grab. Keine Trauerfeier. Kein Ritual. Nichts, woran die Welt erkennen könnte, dass hier gerade etwas Wichtiges verlorengegangen ist. Stattdessen sitzt man mit seinem Schmerz häufig allein da und hört gut gemeinte Sätze wie: „Ach. Das wird schon wieder.“
Manchmal stimmt das sogar.
Manchmal aber auch nicht.
Manche gehen nach und nach
Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, erlebt das häufig besonders deutlich.
Der Mensch, den man vielleicht schon sein ganzes Leben kennt, ist noch am Leben. Sitzt mit am Tisch, spricht mit uns, berührt uns. Und doch ist er nicht mehr ganz da. Etwas ist verschwunden.
Eine Erinnerung, ein gemeinsamer Witz. Das gemeinsame Kartenspielen – einfach ein Stück Vertrautheit. Man beginnt zu trauern, obwohl man gleichzeitig noch gemeinsam Kaffee trinkt. Es ist eine seltsame Form des Abschieds –
als würde jemand den Raum nach und nach verlassen, ohne jemals aufzustehen.
Doch nicht nur Krankheiten sind für solche Verluste verantwortlich.
Viele Menschen trauern nicht um die Mutter, die gestorben ist, sondern um die Mutter, die sie nie hatten.
Nicht um die Liebe, die verloren ging, sondern um die Liebe, die nie entstand.
Vielleicht ist das eine der schmerzhaftesten Formen von Trauer überhaupt.
Denn man verliert nicht nur einen Menschen – jetzt ist jede Chance auf Annäherung dahin. Man verliert seine letzte Hoffnung.
Und Hoffnungen lassen sich erfahrungsgemäß unheimlich schlecht beerdigen.
Sie verschwinden selten über Nacht. Stattdessen halten sie sich an allem fest, was sie erreichen können. Sie warten auf den Anruf, die Entschuldigung, die Veränderung, die Einsicht. Es kann eine ganze Weile vergehen, ehe einem so langsam dämmert, dass all das vielleicht niemals geschehen wird.
An dieser Stelle beginnt meist die eigentliche Trauer: Nicht wenn der Mensch geht, sondern dann, wenn die Hoffnung geht. Manchmal ist es hierfür völlig egal, ob der Mensch, um den es geht, noch atmet oder nicht,
Diese Form der Trauer wird allerdings häufig nicht in dem Maß respektiert, wie sie es verdient hätte. Der betreffende Mensch ist ja immerhin noch am Leben! – Doch unser Herz interessiert sich wenig für solche Argumente.
Es reagiert auf Bindung, auf Nähe, auf Sehnsucht und
auf das, was hätte sein können.
Deshalb kann ein Kontaktabbruch manchmal tiefer schmerzen, als Außenstehende verstehen. Nicht weil er mit einem Todesfall identisch wäre, sondern weil in beiden Fällen etwas endet, das uns wichtig war, wir aber niemanden haben, den wir zu Grabe tragen können.
Ich denke manchmal, der Begriff Trauer braucht eine neue Definition.
Ich weiß, Trauer ist keine Krankheit sondern eine natürliche Reaktion auf schmerzhafte Verluste (hierzu zählt auch das Ende einer Beziehung, der Verlust der eigenen Gesundheit, etc.), dennoch ist Trauer für die meisten Menschen etwas, das mit dem Tod zu tun hat.
Dabei betrauern wir so viel mehr Abschiede, als die am Ende eines Lebens.
Die verlorenen Freundschaften, die zerbrochenen Beziehungen, die unerfüllten Wünsche, die unerreichbaren Eltern und die Menschen, die noch leben und uns dennoch fehlen.
Auch solche Verluste hinterlassen leere Plätze. Nicht nur in unserem Alltag, sondern oft auch in unseren Vorstellungen davon, wie das Leben einmal aussehen sollte. Sie hinterlassen unsichtbare Stühle, unausgesprochene Sätze und Fragen, auf die es vielleicht niemals eine Antwort geben wird – und auch das darf betrauert werden. Muss es vielleicht sogar, um irgendwann darüber hinwegkommen zu können.
Ein Abschied muss anerkannt werden.
Dann erst kann man weitergehen.
Wenn wir um Menschen trauern, die noch leben, ist die Gefahr groß, dass wir den Moment des Absprungs verpassen. Dass wir auf ewig stillstehen und darauf warten, dass dieser Jemand zrückkommt.
Es ist für unser eigenes Seelenheil unheimlich wichtig, dass wir uns eingestehen, dass wir Schmerz empfiden, jemanden vermissen – denjenigen verloren haben.
Und vor allem: dass dieser Schmerz nichts Peinliches ist, sondern eifach nur ein Ausdruck unserer Verbundenheit zu dieser Person. Der andere Mensch mag seine Verbundenheit zu uns schon vor einer ganzen Weile verloren haben, das heißt aber nicht, dass sie bei uns per Knopfdruck abzuschalten ist. Sie geht in ihrem eigenen Tempo.
Dazu fällt mir grade ein Satz ein, der mir während meiner Zeit in der Hospizbegleitung begegnet ist und hier gut passt:
Trauer fragt nicht, ob jemand lebt.
Sie fragt nur, ob jemand fehlt.
Ob sein Herz schlägt oder nicht, interessiert die Trauer nur am Rande.
Einerseits finde ich das unheimlich traurig. Aber vielleicht ist es auch ein Indiz dafür, wie tief Menschen einander berühren können – selbst dann, wenn sie längst nicht mehr Teil unseres Alltags sind.
Jetzt muss ich an eines meiner neueren Gedichte denken …
Die letzte Strophe lautet:
Und irgendwann bemerkt man dann,
dass nichts, was war, je gänzlich geht.
Weil alles, was uns einst berührte,
in unseren Lücken geschrieben steht.
Für mich ist das eine sehr tröstliche Vorstellung. Vielleicht kannst du dich ja auch damit anfreunden … Ich wünsche es dir sehr.
Das soll’s für den Moment auch gewesen sein.
Möge deine Trauer immer einen Ort finden,
an dem sie sein und bleiben darf, so lange sie es für nötig hält.


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