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Warum wir Klischees lieben


Klischees haben einen verdammt schlechten Ruf.

Erwähnt man sie im Beisein von Autoren, verziehen viele das Gesicht, als hätte man ihnen gerade vorgeschlagen, den nächsten Roman in Comic Sans zu setzen.

Na ja. Mag sein. Die Wahrheit ist aber vermutlich etwas komplizierter.

Ist es nicht eher so, dass wir Klischees lieben?

Doch! Und wie wir das tun!
Würden wir sie nicht so vergöttern, gäbe es sie nämlich gar nicht.


Nehmen wir einen typischen Actionfilm: Ein ehemaliger Elite-Soldat lebt zurückgezogen irgendwo im Nirgendwo. Eigentlich will er nur seine Ruhe. Vielleicht repariert er Boote. Vielleicht züchtet er Tomaten. Eventuell macht er auch beides. Dann tauchen irgendwelche Bösewichte auf. Sie töten seinen Hund. Oder entführen seine Tochter – vielleicht auch wieder beides (man weiß ja im Vorfeld nie, mit welchen Halunken man es diesmal zu tun hat).

Unser Held wäre aber nicht unser Held, würde er nicht innerhalb der nächsten anderthalb Stunden eine ganze Verbrecherorganisation aus dem Weg räumen, Tochter nebst Hund kurz vor knapp das Leben retten und zum Schluss eine Medaille ans Revers gesteckt bekommen. Sollte unser Protagonist Anzugträger sein, sitzt derselbe während der kompletten Befreiungsaktion einwandfrei.

Kennen wir. Haben wir schon tausendmal gesehen.
Schauen wir trotzdem wieder und wieder.

Warum?

Sie geben uns Orientierung.

Wenn wir einen Liebesroman aufschlagen, erwarten wir zwangsläufig, dass sich zwei Menschen verlieben, lesen wir einen Krimi, wäre es schön, wenn am Ende herauskäme, wer der Mörder war und wenn in einer Fantasygeschichte ein alter Mann mit langem Bart auftaucht, dann gehen wir erstmal davon aus, dass er entweder ein mächtiger Zauberer ist oder der totgeglaubte Vater unseres heranwachsenden Protagonisten.

Klischees sind etwas Vertrautes. Sie helfen uns, Geschichten schneller zu verstehen – in Bezg auf Bücher und Geschichten also vergleichbar mit kleinen, literarischen Straßenschildern.

Stell dir vor, du liest folgenden Roman:
Die Heldin ist wunderschön, weiß das aber nicht. Der Held ist reich, attraktiv und emotional so verschlossen wie ein Hochsicherheitstrakt. Der Bösewicht ist böse, weil er eben böse ist und die Nebenfigur stirbt kurz vor Schluss. Der Hund überlebt. Alle küssen sich. Ende.

Das waäre dann wohl die literarische Version eines Toastbrots – macht satt, kann aber niemanden so wirklich begeistern.


Er möchte den grimmigen Detektiv – aber vielleicht hat dieser Detektiv panische Angst vor Treppenhäusern. Er möchte den mächtigen Zauberer – aber vielleicht hat der keinerlei Ahnung von Magie und tut nur so als ob. Er möchte die große Liebesgeschichte – aber vielleicht verlieben sich die beiden zwar ineinander, stellen dann aber fest, dass sie sich gegenseitig wahnsinnig auf die Nerven gehen, verwandt sind oder was auch immer.

Klischees sind wie Gewürze. – Eine Prise davon kann ein Gericht zum Fest werden lassen – die ganze Packung macht es ungenießbar.

Den Rat, Klischees zu vermeiden, sollte man meiner Meinung nach deshalb auch nicht zu dogmatisch befolgen. Man muss Klischees nicht vermeiden – man sollte sie aber verstehen.

Das Ziel ist nicht, etwas zu schreiben, das noch niemals jemand gelesen hat. Das ist ohnehin nahezu unmöglich.

Oder anders: Die Leser dürfen glauben, sie wüssten, was passiert.



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