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Die größte Lüge über das Schreiben


Es gibt viele Lügen über das Schreiben.

Zum Beispiel: „Ich überarbeite nur schnell noch eine Kleinigkeit.“
Oder: „Ich recherchiere nur kurz etwas.“
Oder: „Diese Nebenfigur bekommt genau zwei Sätze.“

Die größte aller Lügen über das Schreiben lautet:

Diese Lüge ist erstaunlich beliebt. Vor allem deshalb, weil sie so vernünftig klingt. Natürlich braucht man eine gute Idee – ohne Idee weder Gedicht noch Kurzgeschichte und schon gar kein Roman. So weit, so wahr.

Das Problem ist nur: An Ideen mangelt es den wenigsten Menschen.

Wenn Ideen Romane schreiben könnten, wäre jeder zweite Mensch Bestsellerautor.

Fragt man Schreibende nach ihren Ideen, präsentieren sie einem immerhalb weniger Minuten einen Fantasy-Zyklus, zwei Krimis, eine Familiensaga über drei Generationen, einen dystopischen Roman, vier Kinderbücher, eine Novelle und ein Sachbuch über die erstaunlichen Verwendungsmöglichkeiten von Panzerband.

Ideen sind selten das Problem.

Ideen wachsen überall. Wie Löwenzahn.
Kaum hat man eine entfernt, erscheinen drei neue.

Die eigentliche Herausforderung beginnt erst danach.
Nämlich in dem Moment, in dem aus einer Idee ein Manuskript werden soll.

Denn Ideen besitzen einen entscheidenden Vorteil:
Sie sind perfekt. Solange sie im Kopf bleiben.

Dort funktionieren die Dialoge, die Figuren sind interessant, es gibt weder Plotlöcher noch langweilige Kapitel und missglückte Szenen ebenfalls nicht. Kurzum: Die Geschichte glänzt wie ein frisch polierter Sportwagen.

Und plötzlich stellt sich heraus, dass die Hauptfigur weniger interessant ist als gedacht. Die Handlung stolpert, die Dialoge klingen wie ein Elternabend und die große Wendung erinnert verdächtig an etwas, das man bereits in sieben anderen Büchern gelesen hat.

Viele Autoren ziehen daraus den falschen Schluss.

Sie glauben, die Idee sei das Problem. Also suchen sie eine neue.

Diese neue Idee wirkt natürlich großartig. Sie befindet sich schließlich noch im Kopf. Dort, wo alle Ideen großartig wirken. Also beginnt das Spiel von vorn.

Neue Idee.
Neue Euphorie. Neues Manuskript.
Neues Manuskript. Erste Zweifel.
Neue Verzweiflung. Neue Idee.

Manche Menschen wiederholen diesen Kreislauf jahrelang. Sie besitzen irgendwann fünfundzwanzig brillante Romanideen, aber kein einziges fertiges Manuskript.

Das Beauerliche:
Geschichten werden nicht deshalb gut, weil die Idee gut war.

Lange genug, um die schlechten Dialoge zu überarbeiten.
Lange genug, um die Plotlöcher zu stopfen.
Lange genug, um herauszufinden, was die Geschichte eigentlich sein möchte.

Fast jeder fertige Roman beginnt als enttäuschender erster Entwurf. Das sieht man ihm später nur nicht mehr an. Niemand betrachtet einen fertigen Roman und denkt:

Ach ja. Hier hat der Autor vermutlich drei Tage lang verzweifelt auf Kapitel zwölf gestarrt.

Dabei wäre das oft die Wahrheit.

Vielleicht ist das der Grund, warum erfahrene Autoren Ideen erstaunlich gelassen begegnen. Sie wissen: Die Idee ist nur der Anfang. Nicht die Leistung. Die Leistung besteht darin, sie nicht für eine „bessere“ Idee zu opfern.

Weiterzuschreiben, obwohl die erste Euphorie sich gelegt hat und auch dann, wenn die Geschichte kompliziert wird, Figuren nicht machen, was sie sollen und man eines Tages an nichts anderes mehr denken kann, als dass dieses Manuskript vermutlich das schlechteste Schriftwerk der Literaturgeschichte ist.

Nicht im Geistesblitz. Im Dranbleiben.

Solltest du also gerade aus dem Fenster starren, in der Hoffnung, ein laues Lüftchen triebe deine nächste grandiose Idee zu dir an deinen Schreibtisch, dann wirf vielleicht lieber einen Blick auf das Manuskript, das bereits dort liegt.

Die Chancen stehen gut, dass die beste all deiner großartigen Ideen irgendwo zwischen Kpitel drei und sieben herumdümpelt und darauf wartest, dass du sie endlich weiterverfolgst.



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