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Als der Bösewicht noch keiner war


Die WordPress-Schreibanregung des Tages fragt heute nach einem Bösewicht, der vielleicht sogar einen guten Grund für sein Handeln hat und weil die Thematik so schön zu meinen Schreibstubengeschichten passt, sortiere ich sie da mal mit ein.

Bei dieser Frage möchte die Autorin in mir direkt die Hände in den Himmel werfen und „ALLE! Sie sollten alle einen guten Grund haben!“ kreischen.

Vermutlich gibt es keinen Schreibratgeber, der nicht empfiehlt, dem Halunken neben all seiner Schlechtigkeit auch eine sympathische Note zu verleihen oder ihm wenigstens eine Lebensgeschichte auf den literarischen Leib zu klöppeln, die dazu führt, dass die Leserschaft irgendwann nicht mehr ganz sicher ist, ob sie nun „Fieses Arschloch!“ oder „Arme Sau …“ denken soll.

Beispiele finden sich in nahezu jedem Buch und jedem Film:

Der Grinch war nicht immer der grüne Miesepeter, der das Weihnachtsfest ruinieren wollte. Irgendwann war er ein kleines Kind, das ausgelacht und ausgegrenzt wurde.

Darth Vader kam auch nicht als dunkler Lord zur Welt. Am Anfang stand ein junger Mann, der einen geliebten Menschen um jeden Preis vor dem Tod bewahren wollte.

Ähnlich Mr. Freeze, der zwar üble Verbrechen begeht, gleichzeitig aber verzweifelt versucht, das Leben seiner Frau zu retten.

Nicht zu vergessen Severus Snape, der über mehrere Bücher hinweg nicht gerade ein Quell der Freude ist, bis man begreift, dass Harrys Mutter ihm das Herz gebrochen hat und sein Handeln von unerwiderter Liebe geprägt ist. Dass er sogar einer der größten Helden der ganzen Geschichte ist, ist ein Plot-Twist, den man zunächst nicht unbedingt erwartet hat.

Gute Bösewichte sollten immer etwas an sich haben, das ihr Verhalten zwar nicht entschuldigt, aber erklärt. Auf eine Weise, die uns selbst ins Grübeln bringt, ob wir, wären wir an deren Stelle, nicht vielleicht sogar ähnlich gehandelt hätten.


Kaum jemand ist von Geburt an ein hinterhältiger Mistkerl. Lernen wir so jemanden kennen, haben wir in der Regel aber keinen Autor zur Hand, der uns über die Hintergründe seines Charakters in Kenntnis setzt. Der Mensch hat für uns keine Vergangenheit – er ist einfach doof, kacke, ein Idiot. Dass das mal anders gewesen sein könnte, daran denken wir eher selten.

Vielleicht würde unser Urteil milder ausfallen, wüssten wir um die ein oder andere Erfahrung dieses Menschen. Seine Taten würden wir wohl weiterhin ablehnen, gleichzeitig wäre da aber vielleicht auch so etwas wie Mitgefühl, ein gewisses Bedauern – und genau das macht auch in Büchern oder Filmen den Unterschied zwischen einer guten und einer großartigen Geschichte aus.

Die eine erzählt uns, wer der Bösewicht ist.
Die andere verrät uns darüber hinaus, wie er dazu wurde.

Kann man durchaus mal drüber nachdenken, wenn wir uns über den cholerischen Kollegen aufregen, die verbitterte Nachbarin uns den Tag versaut oder irgendein anderer fragwürdiger Zeitgenosse uns auf die Nerven geht.

Ist ja umgekehrt nicht anders … Wir haben wohl alle die ein oder andere Eigenart, die andere unheimlich anstrengend oder gar böse empfinden, die sich aus unserer Geschichte aber doch irgendwie erklären lässt.


Natürlich macht eine schwere Kindheit einen bösartigen Menschen nicht plötzlich zum bedauernswerten Unschuldslamm, aber sie rückt die Dinge doch in ein etwas anderes Licht – ermöglicht Verständnis ohne zu entschuldigen.

Die Literatur weiß das schon lange, deshalb sind ihre besten Bösewichte auch selten einfach nur grausam.

Es sind Menschen, die aus bestimmten Gründen irgendwann mal eine falsche Abzweigung genommen haben – und wir werden durch sie daran erinnert, wie schmal der Grat doch ist, zwischen dem Leben, das wir führen, und dem, das wir vielleicht stattdessen hätten führen können.

Doch selbst wenn wir auf die dunkle Seite der Macht geschlittert wären, wir würden uns selbst aller Wahrscheinlichkeit nach kaum als böse bezeichnen.

Der Nachbar, der andere ständig anschwärzt, hält sich vermutlich für gewissenhaft und ehrlich. Der Chef, der seine Mitarbeiter bis an die Belastungsgrenze treibt, nennt es „Förderung des Potenzials“ und selbst Menschen, die anderen großen Schaden zufügen, finden fast immer Gründe, warum ihr Handeln notwendig gewesen sei – was der größere Nutzen dieses bedauerlichen doch leider unvermeidlichen Elends ist.

Das soll wohl auch bei Dikatatoren und Meuchelmördern recht ähnlich sein …

Um mal zum Ende zu kommen:
Gute Geschichten erzählen nie nur von Helden und Bösewichten.

Sie erzählen von Entscheidungen – und von den vielfältigen Möglichkeiten, die einen Menschen nach und nach zu jemandem werden lassen, vor dem er sich als Kind vermutlich selbst gefürchtet hätte.

Damit einen schönen Tag dir und danke fürs Lesen!



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Dein Echo auf diese Zeilen

4 Antworten zu „Als der Bösewicht noch keiner war“

  1. Avatar von age134

    Schöner Gedankengang. Macht das „Gut und Böse“ konsequenterweise nicht zu absolut subjektiven Begriffen? Und wo bleibt dann noch der Gehalt dieser Begriffe?

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    1. Avatar von Rebecca
      Rebecca

      Ui. Spannende Frage – danke dafür! 🙏

      Ich glaube, sie verknüpft zwei Dinge, die man trennen muss:

      Verstehen ist nicht dasselbe wie Bewerten.

      Wenn ich verstehe, warum ein Mensch so geworden ist, habe ich damit noch nichts darüber gesagt, ob sein Handeln richtig oder falsch war.

      Wenn ein Kind zum Beispiel mit Gewalt aufwächst, nie lernt, zu vertrauen und all sowas und später selbst gewalttätig wird, kann man das aufgrund seiner Geschichte einerseits verstehen – das nimmt im später aber nicht die Verantwortung für seine Entscheidungen.

      Ich bin kein Freund von “Wer eine schwere Kindheit hatte, kann nichts dafür.” Dann wären wir alle letztlich nichts weiter als das Produkt unserer Vergangenheit. Da darf man von uns schon mehr erwarten, finde ich.

      Was die Subjektivität von Gut und Böse angeht: Ich denke, unsere Sicht darauf ist subjektiv – die Begriffe selbst nicht.

      Hab ja im Text ein paar Beispiele genannt. Nahezu jeder zählt sich selbst zu den Guten – so ein Hirn ist echt sehr einfallsreich, wenn es darum geht, das eigene Handeln zu rechtfertigen …

      Das macht es bei unterschiedlichen Sichtweisen oder der Frage nach „Einsicht“ wohl besonders schwer …

      Danke nochmal und hab noch einen schönen Abend! 🍀

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      1. Avatar von age134

        Wenn man das weiterspinnt, kommt man ja zu ganz existenziellen Fragen. Wo fängt Eigenverantwortung an und kann man jemandem vorwerfen, keine Verantwortung zu übernehmen, wenn er es nie gelernt hat? Inwiefern ist das sein eigenes Versagen? Und kann eine Handlung dann überhaupt gut oder böse sein? Vielleicht kann man ohne böse Absicht böse Taten vollbringen. Aber ergibt die Schuldfrage dann noch Sinn? Und was ist ganz grundsätzlich mit dem Freien Willen?

        Finale Antworten darauf werden wir kaum finden. Aber von Zeit zu Zeit ist es ganz unterhaltsam, sich darüber Gedanken zu machen. Insofern danke dir für die Impulse und ebenfalls einen schönen Abend. 😃

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        1. Avatar von Rebecca
          Rebecca

          😅 Fragen über Fragen …

          Ja. Manche Dinge kann man totdiskutieren und kommt doch zu keinem Ergebnis. Manchmal sind aber aber grade das die besten Unterhaltungen. 😁

          Ich denk da jetzt aber besser trotzdem erst mal nicht weiter drüber nach. 🤪😅

          Danke schön und eine angenehme Nachtruhe! ✨✨✨

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